Gesellschaft | 11.01.2010

Schlaglöcher auf dem Weg zum gesunden Leben

Text von André Müller | Bilder von Fabian Lengwiler
In Bolivien unterstützt das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) mehrere indigene Gemeinschaften dabei, ihre Gesundheitsversorgung zu verbessern. Die Arbeit fernab der grossen Städte besteht allerdings nicht nur darin, Pillen und Pflaster zu verteilen.
Dr. Aguilera bespricht mit einer Mutter, wie sich Gewicht und Grösse ihrer Kinder entwickelt haben. Neugierig betrachten die Rinder den unbekannten Eindringling. Im Dorf Florida wägt der Krankenpfleger ein Kleinkind, um festzustellen, ob es genügend zugenommen hat. Hier könnte dereinst das Gemüsefeld von San Lorenzo entstehen.
Bild: Fabian Lengwiler

Hoch über dem Tiefland Boliviens leuchtet ein Sternenhimmel, wie man ihn in Europa nicht mehr zu sehen bekommt. Die Silhouetten der Bäume säumen den Weg nach San Lorenzo de Lomerío. Einige Rinder versperren die Strasse durch die Wildnis, ein Fuchs hält neugierig nach dem motorisierten Störenfried Ausschau.

Dr. Aguilera hat jedoch keine Zeit, die Idylle der Zona Chiquitana zu bewundern. Mit 80 Kilometer pro Stunde jagt sein Offroader über die sandige Piste, sein Blick immer auf der Suche nach dem nächsten Schlagloch. Gemächlich schiebt er sich ein weiters Cocablatt in den Mund und sucht sein Döschen mit Bicarbonat, das für einen Bolivianer einfach zu seiner „Cocita“ gehört. Dr. Aguilera arbeitet als Arzt und Gesundheitsverantwortlicher für das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) in den abgelegensten Ecken Boliviens. Diese Woche besucht er das sieben Autostunden von Santa Cruz entfernte Projektgebiet Lomerío, welches vom indigenen Volk der Chiquitanos bewohnt wird.

Gemüse nur für Hasen

Am nächsten Morgen steht bereits der routinemässige Besuch der Gesundheitsposten an. Ein örtlicher Krankenpfleger misst Grösse und Gewicht der Kleinkinder im Dorf. Die Mütter stehen interessiert zur Seite und beruhigen ihre Kleinen. Hat ein Kind Gewicht verloren, diskutieren sie gemeinsam die Ursache. Hatte das Kind Durchfall? Wie hat es die Mutter ernährt?

Der Austausch von Ernährungstipps unter den Müttern ist wichtig, denn Mangelernährung ist ein ernstes Problem in der Gegend. Die Menschen bauen in erster Linie Mais, Reis, Kartoffeln und Yucca an. Gemüse fehlt jedoch auf dem Speiseplan, was zu einem gravierenden Mangel an Vitaminen und Spurenelementen führt. Dr. Aguilera führt deswegen Gespräche mit den Frauen im Dorf und animiert sie dazu, sich zu einer Genossenschaft für Gemüseanbau zusammenzuschliessen. Wasser ist dank einem nahen Teich genügend vorhanden, Land und Arbeitskräfte ebenfalls.

Das SRK kann bei der Kreditbeschaffung vermittelnd helfen, um dem Mangel an Startkapital Abhilfe zu schaffen. Obwohl das SRK hauptsächlich im Gesundheitsbereich tätig ist, kann es auch ein zinsloses Darlehen für Ernährungsprojekte sprechen. Bedingung ist, dass einige wenige Familen gemeinsam die Hauptverantwortung für das Projekt tragen. „Wenn wir die gesamte Gemeinde einspannen wollten, würde die Sache früher oder später im Sand verlaufen, da niemand sich persönlich dafür verantwortlich fühlte“, erklärt der SRK-Arzt.

Die Bevölkerung steht dem Vorschlag teils skeptisch gegenüber. „Das Gemüse würde ja doch nur an die Hasen verfüttert. Wenigstens hätten wir dann gesunde Hasen!“, witzeln sie. Dr. Aguilera hat jedoch keine Zeit, sich auf lange Diskussionen einzulassen: „Es ist ihr Projekt. Wir können sie nur dazu motivieren und ihnen erklären, welche Vorteile ihnen der Gemüseanbau bringen würde.“

Dass die Bevölkerung die Projekte selbst mittragen muss, ist einer der Grundpfeiler der Hilfe des SRK. „Würden wir einfach Gemüse liefern, bliebe die Gemeinde langfristig von uns abhängig. Das Ziel unserer Hilfe ist jedoch, dass die Projekte auf die Dauer ohne uns funktionieren.“

Gefahr für das ganze Dorf

In San Pablo lädt der Doktor gemeinsam mit der Spitaldirektorin des Bezirks Lomerío zur Gesundheitsvisite. Auch Don Felipe humpelt zu den Ärzten. Er ist 84 jährig. In einer Gegend, wo die durchschnittliche Lebenserwartung etwa 60 Jahre beträgt, ist dies ein stolzes Alter. Doch schnell stellt sich heraus, dass er ein ernstes Gebrechen hat: Tuberkulose. Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, nächtliche Schweiss- und Fieberausbrüche deuten darauf hin.

Während die Lungenkrankheit in der Schweiz praktisch ausgerottet ist, stellt sie in den ärmeren Gegenden Boliviens wegen der hohen Ansteckungsgefahr noch immer eine Gefahr für ganze Dörfer dar. Aus diesem Grund unterstützt das SRK mit 3000 Franken jährlich ein behördliches Impfprogramm. Den Greis ermahnt Dr. Aguilera eindringlich, seine Medikamente regelmässig einzunehmen, auch um die Gefahr für sein Umfeld zu minimieren. Don Felipe selbst scheint sein Schicksal nicht gross zu kümmern. Gutmütig blickt er in die Runde, seine runzligen Hände auf den Gehstock gestützt, und wartet, bis er wieder nach Hause humpeln kann.

Dieser Artikel ist der Beginn der dreiteiligen Reportage zur Arbeit des SRK in Bolivien. Der Text ist bereits im „ready for red cross“, dem Jugendmagazin des SRK, erschienen.

Links