Sport | 04.01.2010

Perfektion unter Druck

Die Untreue von Golfprimus Tiger Woods gehörte zum Aufregendsten, was die Sportwelt im letzten Jahr zu bieten hatte. Andere Diskussionen drehten sich um das Skandalbuch von André Agassi. Sportler-Images wankten. Bleibt die Frage: Ist Roger Federer wirklich so perfekt?
Roger Federer scheint das Leben neben dem Sport besser im Griff zu haben.
Bild: Robert Federer/Facebook.

Rachel, Loredana, Jaimee, Jamie, Joslyn, Theresa, Julie, Holly, Mindy und Cori. Diese Aufzählung ist nicht die Lohnliste eines Lusthauses. Sie alle waren mit Tiger Woods im Bett. Behaupten sie. Wie fett und gross doch die Lettern der weltweiten Boulevard-Presse waren, als Tag für Tag wieder ein neuer Name die Liste der Sex-Gespielinnen von Woods verlängerte. Sein Skandal begann mit einem Autounfall am 27. November des letzten Jahres. Tiger Woods soll sich aus dem Staub gemacht haben und gegen einen Hydranten gefahren sein. Gattin Elin ist ihm gefolgt und soll mit einem Golfschläger schliesslich die Hinterscheiben aufgeschlagen haben. Die Tragikomödie endete im Spital.

In diesem Moment war das sorgfältig erarbeitete Image des Saubermannes mit den Lacoste-Kleidern mit einem Schlag kaputt. Sponsoren liessen ihn fallen. Viele seiner Fans fühlten sich betrogen. Die Geschichte nahm mit einem provisorischen Karriereunterbruch von Tiger Woods ein vorläufiges Ende.

Eine Art Flucht

Wieder einmal wurde der Sportwelt klar, dass ihre Helden oft am eigenen Erfolg scheitern. Erfolg macht einsam, lautet eine Weisheit. Manche Superstars treibt diese Einsamkeit in die Drogen, wie am Beispiel von Fussballer Diego Maradona offensichtlich wurde. Die Basketball-Legende Michael Jordan wurde spielsüchtig. Oliver Kahn hatte teils Anfälle des Wahnsinns. Sie alle flüchteten vor dem Perfektionismus den sie in ihrem Sport anpeilten. War bei Tiger Woods die Untreue eine Art Flucht? Es bestehen klare Tendenzen, die diese These bestätigen. Gerade Saubermänner sind nicht gefeit vor privaten Ausrutschern.

Eigentlich drängt sich da eine Frage auf, die bisher – aus gutem Grund – nicht behandelt wurde. Auch wir Schweizer fiebern Turnier für Turnier mit einem Ausnahmesportler mit. Auch er ist ein Einzelsportler. Auch er ist ein vorbildlicher Saubermann. Auch er hat zwei Kinder, eine Ehefrau. Auch bei ihm weiss man nicht viel über seine privaten Aktivitäten. Roger Federer. Sein Name ist eine Wucht. Sein Name steht für Präzision, Klasse und Stil. Doch ist auch er gefährdet, bald als Untreuer oder als Süchtiger dazustehen?  

Federers drucklose Kindheit

Wer dies zu behaupten wagte, würde als Nörgler dastehen. Als Dauerpessimist. Und tatsächlich sind die Bedenken bezüglich Federer weniger begründet, als bei anderen grossen Sportstars – vor allem aus Amerika. Im Gegensatz zu Woods, zu Jordan oder zu Agassi waren Lynette und Robert Federer, die Eltern von Roger, nicht auf das Geld ihres Sprösslings angewiesen.

Wenn die Eltern, wie bei Woods, die Hypothek erhöhen, um dem Sohn an den Turnieren das Hotel zahlen zu können. Wenn die Eltern, wie bei Agassi, bereits mit dem Geld ihres Sohnes rechnen, wenn es um Rechnungen geht, wird der Druck auf die Sportler ungemein gross. Sie werden zu Gefangenen ihres Sports. Sie entwickeln dann diesen Tunnelblick, sie konzentrieren sich ausschliesslich auf ihre Aufgabe. Ein Leben neben dem Sport kommt nicht in Frage. Roger Federer hingegen durchlebte eine befreite Kindheit, spielte auch Fussball. Er weiss auch, wie man eine Versicherung abschliesst. Kurzum, er weiss wie das Leben neben dem Sport funktioniert.

Bleibt also zu hoffen, dass Roger Federer sein perfektes Image zu behalten vermag. Weniger gefährdet als seine amerikanischen Berufskollegen ist er allemal. Eine letzte Unsicherheit bleibt, gab doch letzthin auch ein anderer Schweizer Frauenschwarm und Saubermann eine Trennung bekannt: Bernhard Russi.