Gesellschaft | 31.01.2010

«Killergames zerstören unsere Zivilisation»

Im europaweiten Vergleich liege die Schweiz am weitesten zurück beim medialen Jugendschutz, sagt Roland Näf. Der SP-Grossrat kämpft an vorderster Front gegen Killergames und für mehr Jugendschutz.
  • Roland Näf (52), verheiratet, Vater zweier Kinder, rechnet damit, dass in 5 Jahren alle Killergames ganz verboten sind.

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  • "Diskutieren statt - pam! - eins auf den Kopf hauen."

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Herr Näf, Ihre Motion wurde heute im Grossen Rat mit 63 Ja- zu 57 Neinstimmen angenommen. Was beinhaltet die Motion genau?

Roland Näf: Sie beinhaltet zwei Punkte. Der erste Punkt ist die Standesinitiative, in welcher der Kanton Bern von der Eidgenossenschaft eine Stelle fordert, die bei jedem Game bestimmt, ob es ab 18, 16 oder 14 Jahren gespielt werden darf. Der zweite Punkt fordert vom Kanton Bern ein Gesetz mit Sanktionen, welche eintreten, wenn der Jugendschutz nicht eingehalten wird.

Jugendschutz, den kennen wir doch bereits beim Alkohol. Und dort ist kein grosser Erfolg zu verzeichnen.

Ja, das ist so. Bei den Games ist es sogar noch schwieriger als beim Alkohol. Entscheidend ist, was das Gesetz in den Köpfen bewirkt, ein Bewusstsein des Unrechts.

Aber ist es nicht merkwürdig, wenn „ältere Politiker“ einen Entscheid treffen, ohne eigene Erfahrungen mit der Materie gemacht zu haben?

Ich bin selbst auch ein „alter Knacker“. Oder aber ich bin Informatiker und ehemaliger Programmierer. Und ich kenne junge Leute, die mein Anliegen durchaus unterstützen.

Viele Spieler sagen, sie können zwischen realer und grausamer virtueller Welt, wo das Blut in Mengen fliesst, unterscheiden. Wo liegt da das Problem?

Das Problem ist nicht das Grausame. Die Schwierigkeit sind Handlungsschemen, die in diesen Games vermittelt werden. Die Art, wie wir mit jemandem umgehen, trainieren wir während unserer ganzen Entwicklung. Wir haben einen irrsinnigen Fortschritt gemacht in unserer Zivilisation. Und jetzt setzen wir eine ganze Generation dem Risiko der Zerstörung aus, weil alle Werte, die wir während Jahrhunderten aufgebaut haben, von diesen Spielen über den Haufen geworfen werden. Ein solcher Spieler wird das nächste Mal, wenn er draussen in der Gasse angesprochen wird, nicht diskutieren sondern einfach eins auf den Kopf hauen.

Ihrer Meinung nach haben also alle, die ein solches Game spielen, ein psychisches Problem?

Nein, so würde ich das nicht ausdrücken. Was man experimentell zeigt, ist, dass das Mitgefühl bei jedem sinkt. Dass jeder aggressiv wird, ist Blödsinn. Und bei den Beziehungen ist der Umgang mit Sexualität ein Problem. Wenn man die Sexualität in Games immer im Zusammenhang mit Gewalt trainiert, dann hat man nachher ein höchst unangenehmes Sexualverhalten.

Sie haben alle Spiele selbst durchgespielt. Damit haben Sie ja Ihre ganze Erziehung über den Haufen geworfen?

Ja, ganz eindeutig. Ich hatte so manche Schweissausbrüche. Das ist ein ekliges Gefühl. Es fasziniert mich, wie diese Games gemacht sind. Wenn man sich durchschiesst, gibt das ein Gefühl von Stärke und Überlegenheit. Man ist ein grosser Held. Auf der anderen Seite fragt man sich: „Was machst du für eine Schweinerei?“ Wenn ein Polizist hier auf der Strasse kommt und motzt, dann – pam! – Kugel in den Kopf. Ja, wir hätten ein Problem, weil das ja nicht unbedingt die Handlungsschemen sind, die wir uns wünschen.

Wie sieht der mediale Jugendschutz im internationalen Vergleich aus?

Wir sind das einzige Land ohne medialen Jugendschutz.

Können in anderen Länder die Gesetze durchgesetzt werden?

Durchsetzen nicht, das ist schwierig. Man stellt aber fest, dass der Verkauf von Killergames abnimmt. Der Götti geht ein solches Spiel nicht mehr kaufen. Jeder Junge, der weniger Zeit mit solchen Games verbringt, ist ein Gewinn für die Gesellschaft.

Aber dennoch gibt es in Deutschland mehr Gewaltprobleme als in der Schweiz?

Ja, das ist spannend zu sehen. Europaweit nehmen Gewaltprobleme von Süden nach Norden zu. Es gibt Erklärungsversuche von Pfeiffer, einem deutschen Psychologen. Je mehr Kinder im Game drinnen sind, umso mehr nimmt die Gewalt zu. Ein Verbot ist eine Massnahme, aber es gibt noch anderes. Es braucht viel Aufklärung und vor allem endlich gute Games!

Was macht ein gutes Game für Sie aus?

Ein Spiel, das durchaus kämpferisch sein darf. Im Moment, in dem man jemanden abknallt oder etwas macht, das nicht den Menschenrechten entspricht, sollte man mit Punkten bestraft werden. Ich war schon immer dafür, ein Game ab dann zu verbieten, wenn man für grausame Gewalt Punkte erhält. Man sollte Punkte erhalten, wenn man beispielsweise einen Terroristen festnimmt, ohne ihn zu erschiessen.

Nicht alle Jugendlichen sind Ihrer Meinung, was den Jugendschutz betrifft. Heute war der Jugend-Grossrat-Tag, eine Chance mit der Jugend in den Dialog zu treten. Konnten Sie profitieren?

Ich habe viele Streitgespräche mit Jugendlichen, da ich Schulleiter und Lehrer bin. Ich bin vertraut mit den Schülern und nicht einer der Grossräte, die an diesem Tag ihren einzigen Kontakt zu den Jugendlichen haben. Das Spezielle ist, dass das hier eine Elite von Jugendlichen ist, eine soziale Selektion. Diejenigen, die problematisch werden, sind nicht hier.

Jetzt muss zum Schutz vor medialer Gewalt ein Gesetz ausgearbeitet werden.

Im Kanton Bern müssen sie hinter die Jugendschutzbestimmung, während sie in der Eidgenossenschaft hinter strafgesetzliche Bestimmungen für Games gehen müssen. Ich rechne damit, dass in fünf Jahren solche Spiele verboten sein werden.

Zur Person


Roland Näf, geboren 1957, ist Vizepräsident der SP Kanton Bern, Schulleiter, Lehrer und Programmierer. Näf setzt sich stark ein für bildungspolitische Themen und für mehr Jugendschutz. Mit mehreren Vorstössen kämpft Näf seit Jahren für ein Verbot von medialer Gewalt in der Schweiz, insbesondere für ein Verbot von Killergames. Seine neuste Motion wurde letzte Woche vom Grossrat angenommen, jetzt arbeiten Kanton und Bund entsprechende Vorschläge für Gesetze aus. Roland Näf ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er lebt in Muri bei Bern.