Gesellschaft | 11.01.2010

„Ich warte hinter dem Regal, bis ein Platz frei wird“

Die Hochschule St.Gallen (HSG) lehrt und prüft mehr Studenten denn je, trotz Wirtschaftskrise. Die einen kommen wegen dem guten Ruf, die anderen wegen dem harten Studium.
Hier studieren bereits 6400 Leute.
Bild: Seraina Manser Trübe Aussichten für HSG-Absolventen? Keineswegs. Man könne ja aus den Fehlern lernen, so Ferdi.

Ein wenig bewundern wir sie schon. All die Studenten, die an der HSG, einer der renommiertesten Wirtschaftsuniversitäten der Welt, ihren Master- oder Bachelortitel erlangen. Die Studenten, die uns später vom Titelblatt des „Cash“ zugrinsen oder unsere Scheidung rechtskräftig machen. Doch wer entscheidet sich schon für ein Studium der Volks- oder Betriebswirtschaftslehre gerade in diesen Zeiten, in denen es die Banker und Grossmanager nicht allzu leicht haben?

Ich habe mich in diesem riesigen Betonklotz namens „University of St.Gallen“ auf dem Rosenberg umgeschaut und das Geheimnis um die Spezies HSG-Student zu lüften versucht.

Mehr Studierende trotz Krise

Diesen Herbst haben sich 6418 Studenten eingeschrieben, das sind 490 mehr als im Vorjahr. Diese Zahlen mögen erstaunen, gerade zur Zeit der Wirtschaftskrise. Dafür, dass der Ausländeranteil auf 25 % festgelegt ist, scheinen sich hier im Bibliotheksgebäude auffällig viele Deutsche zu tummeln. Zwei Studenten, die sich eine Lernpause gönnen, schlendern lässig mit den Händen in den Dieseljeans und den Füssen in Ledermokassins Richtung Ausgang, um eine zu rauchen. Ich folge ihnen und hoffe, in Kürze das Mysterium HSG ein wenig besser zu verstehen.

Niklas studiert VWL im dritten Semester, die Studentenparty vom Vorabend ist ihm noch leicht anzusehen; das allerdings schränkt seinen Redefluss in flottem Deutsch kaum ein.

Konkurrenzkampf in der Bibliothek

„An manchen Tagen ist in der Biblio jeder Stuhl besetzt, so dass man, wenn man erst gegen den Nachmittag kommt, jede Menge Glück gebrauchen kann, um doch noch einen Arbeitsplatz zu ergattern. Ich persönlich hatte auch schon Erfolg, indem ich hinter dem Regal spähend wartete, bis jemand geringste Anstalten aufzustehen machte, und dann hervorstürzte. Habe mich ja schon lange vor der Wirtschaftskrise für das VWL-Studium entschlossen. Ehrlich gesagt macht es doch das Ganze viel spannender. Wir können aus den Fehlern, die gemacht wurden, lernen, alles ist ja sehr aktuell.“

Sein Kollege Ferdi erzählt: „Ursprünglich komme ich aus München, studiere hier BWL. An der Universität St.Gallen beginnt das Studium mit dem Assessmentjahr, welches gemeinsam von allen Studierenden absolviert werden muss, anschliessend entscheidet man sich für eine Richtung. Der gute Ruf lockte mich hierher nach St.Gallen. Ich meine, hier kann man einen der besten BWL-Abschlüsse überhaupt erreichen. Natürlich hoffe ich, dass bei meinem Abschluss von der Krise nichts mehr zu spüren ist. Viele meiner Freunde sind Ausländer, ich selbst bin Mitglied des AC, des Ausländerclubs hier an der HSG. Ansonsten fällt mir die hohe Ausländerquote weder negativ noch positiv auf. Es ist gut durchmischt.“

Die Herausforderung HSG-Studium

Ich lasse die beiden in Ruhe weiterrauchen und über die Börse fachsimplen. Langsam schlendere ich über den Campus, besser gesagt über eine ausgestorbene Baugrube: die HSG wird momentan für 83 Millionen Franken saniert. Die Gebäude aus den 60er Jahren sind für 3500 Studierende konzipiert, können also folglich den Bedürfnissen der wachsenden Studentenzahl nicht mehr gerecht werden. Ich treffe auf Cornelia, eine Schweizerin. Sie studiert internationale Beziehungen im 5. Semester.

„Der knappe Platz macht sich stark bemerkbar, Studierende im ersten Semester  müssen 45 Minuten vor Vorlesungsbeginn im Vorlesungssaal sein, um überhaupt noch einen Sitzplatz zu erhalten. Ich habe mich für die Uni St.Gallen entschieden, weil sie im Vergleich zu anderen Universitäten für anspruchsvolle Studiengänge bekannt ist und ich gefordert werden wollte. Die meisten HSG-Studienabgänger finden den Einstieg in das Berufsleben relativ leicht, wahrscheinlich auch während oder nach der Wirtschaftskrise.“

Viel mehr über die Spezi HSG weiss ich immer noch nicht, aber es würde mich nicht wundern, wenn mir in Zukunft Niklas vom „Cash“-Titelbild zuzwinkern und leise flüstern wird: „Ich habe hinter dem Regal gelauert, bis ein guter Arbeitsplatz für mich bereit war, dann stürzte ich hervor und hier bin ich!“

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