Gesellschaft | 11.01.2010

„Generation Zwischenjahr“ investiert in ihre Zukunft

Sprachaufenthalt in Amerika, Jobben beim Bäcker oder ein Praktikum im Altersheim. Viele Jugendliche legen heute nach dem Schulabschluss erst einmal ein Zwischenjahr ein, bevor sie eine Lehre oder ein Studium beginnen. Ein Zwischenjahr ist Auszeit und Motivation für das Arbeitsleben zugleich.
Ein Zwischenjahr hilft, sich nach dem Schulabschluss erst einmal zu orientieren.
Bild: pixelio.de / Harald Lapp Die 19-jährige Luzia Tschirky findet, sie sei im Zwischenjahr viel selbstständiger geworden. Matthias Rüby

„Ich hatte die Zusage für ein Praktikum beim Radio schon fast ein Jahr vor der Matura“, erzählt Luzia Tschirky. Die 19-jährige hat ihr Zwischenjahr früh geplant. Für sie war klar, dass sie nach der Kantonsschule erst einmal arbeiten und „ausserhalb der abgeschlossenen Schulwelt etwas machen“ wollte. Das Zwischenjahr habe ihr einen realistischen Einblick in das Berufsfeld Medien ermöglicht und sie in ihrem Entschluss, Journalistin zu werden, bestärkt.

Ein klares Berufsziel vor Augen haben längst nicht alle, wenn sie die Schule abschliessen. „Schon so früh zu wissen, was man machen will, ist schwierig“, betont Luzia Tschirky.  

Zwischenjahr ist beliebte Option  

Zehntausende Schülerinnen und Schüler stehen im laufenden Schuljahr vor ihrem Abschluss. Etwa ein Drittel von ihnen entscheidet sich laut dem Bundesamt für Statistik (BAS) für eine Auszeit nach der Schule. In den letzten Quartalen hatten die Jugendlichen Zeit, ihre Interessen auszuloten und sich für einen Weg nach der Schule zu entscheiden. Doch immer mehr Schulabgänger machen erst einmal Halt an der Kreuzung. Immer mehr entscheiden sich für die Option Zwischenjahr. Dies zeigen jüngste Erhebungen des BAS.  

„Es gibt unterschiedliche Gruppen von Zwischenjahrabsolventen“, sagt Beat Höhn, Vizedirektor des Laufbahnzentrums Zürich. Maturanden entschieden sich aus anderen Gründen für ein Zwischenjahr als Neuntklässler, die vor einer Lehre stehen. Zum Zwischenjahr regelrecht gezwungen sind indes Schulabgänger, die ins Militär müssen.  

Ausweg aus dem Papierlabyrinth  

Maturandinnen und Maturanden wie Luiza Tschirky haben das Ticket zur Hochschule, einlösen können sie es sofort oder später. Sie fragen sich: Beginne ich jetzt gleich mit dem Studium oder mache ich ein Zwischenjahr? Und sie überlegen: Welches Berufsfeld könnte mir entsprechen?  

Schule und Berufsberatung überladen uns mit Informationen zur Ausbildungs- und Berufssuche. Einen Ausweg aus diesem Papierlabyrinth bietet das Zwischenjahr. Ein pragmatisches, fast schon ökonomisches Bewusstsein ist bei den Jugendlichen vorhanden. Sie wissen, dass sie auch in die eigene Zukunft investieren, wenn sie heute Zeit und Energie in ein Zwischenjahr stecken. Die heutige „Generation Zwischenjahr“ hat Zeit und die Möglichkeit, ihr Leben zu planen.    

Verschnaufpause nach dreizehn Schuljahren  

„Es sieht tatsächlich so aus, als ob heute mehr Menschen ein Zwischenjahr nach dem Gymnasium einlegen“, kommentiert Katharina Gallizzi vom Bundesamt für Statistik die Resultate einer BAS-Studie*. Bezeichnend ist, dass 2008 nur 39 Prozent der Maturanden den lückenlosen Übergang an die Universität wählten. Vor acht Jahren lag die sogenannte „Sofortübertrittsquote“, also der Anteil an Maturanden, die direkt vom Gymnasium an die Universität gehen, noch bei 54 Prozent.                                                                                                                                   

Warum sich heute viel weniger Maturanden lückenlos an der Uni einschreiben, kann Gallizzi auch nicht genau sagen. „Sicher haben aber statistische Effekte, wie der Schulabschluss im Winter oder die Verpflichtung zur RS einen Einfluss auf die Quote derer, die ihr Studium nicht im gleichen Jahr beginnen.“  

Für Luzia Tschirky kam es nicht in Frage, direkt nach Schulabschluss an die Universität zu gehen. Die „Verschnaufpause nach dreizehn Jahren Schule“ kann sie allen nur empfehlen: „Du kannst innehalten und dich orientieren“. In ihrem Zwischenjahr hat sie sich intensiv mit der Studienfachwahl beschäftigt und in Vorlesungen reingeschnuppert. Diesen Frühling beginnt sie ein Studium der Politologie.  

Im Zwischenjahr „Berufswahlreife erlangen“

Auch in der Gruppe der Schulabgänger nach dem neunten Schuljahr hat laut Beat Höhn vom Laufbahnzentrum Zürich der Anteil an Zwischenjahrabsolventen von 25 Prozent auf 35 Prozent zugenommen. Die meisten nutzten ein Brückenangebot, wie das Vorbereitungsjahr für die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium oder das zehnte Schuljahr.  

Fachhochschulen verlangen meistens Praktika, die in einem Zwischenjahr absolviert werden. Schulabgänger müssen auch oft ein Zwischenjahr einlegen, weil sie keine Lehrstelle gefunden haben. Das liege am knappen Lehrstellenangebot oder daran, dass sich nicht alle so früh für ein Berufsfeld entscheiden können, so Höhn. Ein Zwischenjahr erhöhe die „Berufswahlreife“. Höhn betont, dass die Jugendlichen stets für die Lösung, die sie treffen, motiviert sein müssten. Denn Motivation, Spass und Freude seien etwas Zentrales. Nur so könne man schliesslich eine Entscheidung treffen, die hält.

*Studie des Bundesamtes für Statistik (BAS) zu „Maturitäten und Übertritte an Hochschulen 2008“, Neuchatel 2009

Zwischenlösungen


Praktika, Jobben, Aupair, Sozialeinsatz, Vorbereitungskurse fürs Gymnasium oder zehntes Schuljahr: die Auswahl an Zwischenlösungen und Brückenangeboten ist gross. Weitere Informationen dazu zu findest du hier.