Gesellschaft | 19.01.2010

Ein Land für sich

Beinahe am Ende der Welt, Asien scheinbar im Westen zurücklassend, zugehörig und doch anders, das Land der aufgehenden Sonne. Bunte Lichtreklamen neben uralten Tempeln. Japan versteht es, mich jeden Tag aufs Neue zu überraschen, zu erstaunen und hinterrücks zu überwältigen. Momentaufnahmen.
"Japan ist so unglaublich anders." Fotos: Marina Häusermann "Mit Stäbchen zu essen klappt ganz gut."

Bereits aus dem Flugzeug bietet sich mir ein fantastischer Ausblick. Wir haben an Höhe verloren und scheinen über dem Meer zu schweben wie eine riesenhafte Möwe. Im Blau werden Inseln sichtbar und plötzlich landen wir. Mein Fenster gibt die Sicht auf die Skyline von Osaka frei. Erst kurz bevor wir aufsetzen, schiebt sich wie magisch die Landebahn unter uns, Kansai Airport ist auf dem Meer gebaut. Darüber habe ich bereits gelesen, dennoch bin ich fasziniert.

Es werden Fingerabdrücke genommen und Fotos gemacht. Ich mache mich auf die Suche nach meinem Gepäck. Ich glaube, angekommen zu sein. Aber nach dem Wortwechsel: „Woher kommen Sie? – Aus Russland. – Alleine? – Ja. – Was wollen Sie in Japan? – Eine Freundin besuchen .“ muss ich tatsächlich meinen kleinen, zum Platzen gefüllten, in durchsichtige Folie gewickelten Koffer auspacken. Natürlich ist nichts Verdächtiges darin, und ich bin durch.

Entfernte Freundschaft

Und endlich da: Japan. Interessiert betrachte ich den unverständlichen Metroplan, blicke verträumt den bunten Reklamen nach. Ich verstehe nichts davon, aber meine Freundin ist bei mir und führt mich voller Freude durch ihr Land. Sie ist Japanerin, ich Schweizerin, kennengelernt haben wir uns in Chile, beide sind wir noch keine zwanzig Jahre alt. Es ist unglaublich, wie klein die Welt geworden ist, wie überwindbar die grössten Distanzen, wie haltbar die entferntesten Freundschaften. Und nun endlich das sehnlich erwartete Wiedersehen.

Magische Automatik

Bereits im Café folgt die nächste Überraschung. Besser gesagt, auf der Toilette des Cafés. Die WCs sind angewärmt und total multifunktional, es gibt sogar einen Knopf, um Spülgeräusche abzuspielen. Und beim Händewaschen kann man ganz faul die Hände hinhalten, denn Seife und Wasser kommen von selbst. Ich bin sprachlos. Noch besser ist aber die magische Taxitür, ebenfalls vollautomatisch.

Warm und bunt

Nach dem verschneiten Sibirien kommt mir Japan warm und bunt vor, obwohl es auch hier Winter ist. Ich bin absorbiert von dieser Unglaublichkeit: futuristische Wolkenkratzer ragen in den hellblauen Himmel, Geschäfte mit Reisgebäcken, mit Socken, Hüten, Lokale voller Spielautomaten. Werbungen in allen Farben und Formen nehmen meinen Blick für sich ein, unbekannte Geräusche und Gerüche betäuben mich. Manchmal kommt ein angenehmes Gefühl von Schwindel auf, so unerwartet anders zeigt sich Japan, so anders als alles, was ich je gesehen habe. Menschen in verschiedenster Kleidung, jeder seinem ganz eigenen Stil folgend. Es gibt T-Shirts und Hosen, die ich wahrscheinlich nicht tragen würde, aber genau sie begeistern mich, hätte ich mir doch nicht einmal in Träumen solche Dinge ausgedacht. Die Einzigartigkeit ist faszinierend, die unglaubliche Intensität reisst mich mit und gibt mich nicht mehr her. Japan hat mich für sich eingenommen, voll und ganz. Es gibt Läden nur mit Hundekleidern, es gibt Willy-Wonka-Schokolade, Fertig-Rösti, Schweineohren.

Auch das Essen überrascht. Neben Sushi und Sashimi gibt es unzählige weitere typische Gerichte, von Misosuppe über gebratenen Aal, Knorpel und verschiedenstes Gemüse bis hin zu gegorenen Bohnen, was sich als das einzige herausstellt, das ich nicht wirklich mag. Mit den Stäbchen zu essen klappt auch ganz gut, nur in gewissen Situationen – zum Beispiel als ein gekochtes Ei in meiner Suppe schwamm – fühle ich mich etwas hilflos und ungelenk. Aber jeden Tag lerne ich mehr, über Shinto, japanische Geschichte oder Sumoringer. Die Tage vergehen wie im Flug und leider ist es bereits nach gut zwei Wochen wieder Zeit, Abschied zu nehmen. Aber eins ist sicher – es war bestimmt nicht mein letzter Besuch im Land der aufgehenden Sonne. Und tatsächlich rötet sich der Himmel als wir abheben und Tokyo hinter uns zurücklassen.