Gesellschaft | 11.01.2010

Ein Glas Menschlichkeit

Text von Laura Kissling | Bilder von Tink.ch
Eine Weihnachtsgeschichte? Ist es dafür nicht etwas zu spät? Sind wir nicht alle schon wieder weitergezogen in unserem Alltag, denken an die Skiferien, an die Fasnacht oder sogar schon an den nächsten Sommerurlaub?
Jeden Abend wird etwas ins Weihnachtsglas geworfen.
Bild: Tink.ch

STOP – lasst mich euch noch eine kleine Geschichte zur Weihnacht erzählen. Für diese ist es noch nicht zu spät, sondern genau der richtige Zeitpunkt, um damit anzufangen.

 

Am 24. Dezember wurde mir ein Buch geschenkt. Klein, dünn, gerade mal 144 Seiten zu lesen. Es trägt den Namen „Das Weihnachtsglas“. Übergeben wurde mir das Buch mit dem Hinweis, dass mir diese Geschichte bestimmt gefallen werde, dass sie zu Herzen rührt. Das ist doch genau das richtige für die besinnliche Weihnachtszeit und so setzte ich mich ein paar Tage später hin und begann mit dem Lesen. Schnell war ich mitten in der Geschichte und hatte das Gefühl, bereits zu wissen, wo die Geschichte hinführen würde, aber ganz so einfach war es zum Glück nicht. Der Grundgedanke ist schnell erzählt: Eine junge Journalistin verliert ihre Mutter und wird kurz darauf, am Weihnachtsabend, auch noch Opfer eines Einbruchs. Doch dann steht vor ihrer Wohnungstür unerwartet ein grosses Glas voller Münzen, nur mit dem Wort „Weihnachtsglas“ versehen. Erst unsicher nimmt sie sich dem Glas an und ist mehr als dankbar für diese geheimnisvolle Gabe. Als Journalistin wird schnell ihre Neugier geweckt und sie macht sich auf den Weg, das Geheimnis um die anonyme Spende zu lösen.

 

Nach 144 Seiten war die Geschichte vorbei und ich war berührt und neugierig zugleich. Was steckt hinter dieser Geschichte, ist da eventuell auch etwas Wahres daran? Schnell realisierte ich, dass der Autor Jason F. Wright dieses Buches das Wahre an dieser Geschichte ist, denn seine Familie hat die Bewegung in die Wege geleitet. Entstanden als kleine Familientradition, erzählt Jason Wright’s Buch genau diese Geschichte, und berührt mit seiner Erscheinung im Jahr 2005 Tausende von Menschen mit dieser Idee. Das Prinzip ist ziemlich einfach: Man nehme ein altes Marmelade- oder Gurkenglas (oder natürlich ein anderes verschliessbares Glas, das griffbereit ist) und beschriftet es mit „WG“ oder eben „Weihnachtsglas“. Jeden Abend füllt man das Glas mit Kleingeld oder auch mal mit einem Schein, je nach Lust und Laune. Man wird bestimmt irgendwann mal versucht sein, Kleingeld aus dem Glas zu nehmen, für die Parkuhr, für das Busticket oder ähnliches, doch sollte man immer daran denken, dass das Geld bereits jemandem versprochen ist. Das ist der Sinn hinter dieser Tradition.

 

An Weihnachten wird das Glas hoffentlich voll sein und dann ist es Zeit, es zu verschenken. Wem soll ich das Kleingeld schenken und vor allem wieso? Nun, das ist einfach zu erklären. Diese Tradition hat die Kraft, Familien zu heilen, Menschen einen Hoffnungsschimmer in schweren Zeiten zu schenken, ihnen zu zeigen, dass jemand an sie denkt. Es kann aber auch ganz einfach Menschen zeigen, wie schön es sein kann, etwas zu verschenken, jemandem etwas Gutes zu tun. Dabei ist es unwichtig wie viel Geld im Glas zusammengekommen ist, ob 20, 50 oder sogar über 100 Franken, der Beschenkte wird sich freuen, da könnt ihr euch sicher sein. Am Besten legt man zum Glas ein Exemplar des Buches „Das Weihnachtsglas“, damit der Beschenkte auch versteht, worum es geht. Bleibt aber möglichst anonym und erklärt euch nicht, denn das Spezielle an dieser Tradition ist, dass die Gabe überraschend kommt, meist anonym und plötzlich da steht.

 

Auf www.christmasjars.com kann man Hunderte von Erfahrungsberichten nachlesen, sowohl von Menschen, die ein Weihnachtsglas vergeben, wie auch von solchen, die eines erhalten haben. Ich bin verzaubert und beeindruckt von dieser Idee und hoffe von ganzem Herzen, dass diese Bewegung ihren Weg in die Schweiz finden wird. Mein Weihnachtsglas ist bereit und wartet darauf, nun ein Jahr lang gefüllt zu werden. Und ich bin schon sehr gespannt, wer sich Ende Jahr darüber freuen darf.

 

Seid auch ihr dabei?