Gesellschaft | 18.01.2010

Diebe, Rentner und Kräuterschnaps

In den letzten vierzehn Tagen wurden unserer Autorin eine Sache genommen und zwei gegeben - eine Tasche, ein Stempel und ein Fläschchen Kräuterschnaps. Aber schön der Reihe nach.
"Wien als Winterwunderland. Doch der Schein trügt."
Bild: pixelio.de / Reinhold Kiss

Vor exakt 359 Stunden begann mein ganz persönlicher Nahostkonflikt, meine Fahrt auf der Gefühlsachterbahn, meine Hassliebe zu Wien, den Wienern und der Menschheit im Allgemeinen. Ganz schön viel für zwei Wochen. So viel, dass ein Tagebuchbericht im Sinne der allgemeinen Verständlichkeit meiner Situation wohl eher abträglich wäre.

Die Umschreibung von grob geschätzt 86% aller Hollywoodfilme wird ja gerne mit den Sätzen „Boy meets Girl. Boy falls in Love.“ begonnen und dann wahlweise mit „Girl doesn’t fall in love, boy kills himself / Girl falls in love as well / Girl falls in love as well and they live happily ever after / Girl falls in love as well and gets hit by a truck“ ergänzt (Vielleicht auch ohne Selbstmord und Lastwagen, aber ich glaube, ihr versteht das Konzept). Der Kontext der folgenden Episoden lässt sich ohne erheblichen Informationsverlust in folgenden chronologischen Wort-Trailer eingliedern: „Mädchen (ich) mag Theater. Mädchen geht in grosse Stadt (Wien) und macht da Theater. Mädchen erlebt viele lustige Abenteuer.“ Ich fürchte, den Produzenten in Beverly Hills könnte ich damit knapp ein müdes Gähnen entlocken, aber so schauts nun mal aus. Der Teufel liegt aber selbstverständlich im Detail. Oder in drei Details, um genau zu sein.

Detail Nr. 1: The Curious Case of Melanies Handbag

Ich war noch nicht mal 24 Stunden in Wien, da war meine Tasche schon weg. Vermutlich bin ich selbst schuld: Wer geht in der Stadt der Kaffeehäuser auch zu Starbucks, diesem H&M unter den Getränkeboutiquen, und glaubt auch noch allen Ernstes, dass er unbeschadet davon kommt? Eben. Obwohl: Mein Karma war auf schwindelerregendem Toplevel. Noch keine halbe Stunde zuvor hatte ich einer alten verzweifelten Frau zwei Euro geschenkt, die dämliche Starbucksservierschickse freundlich angelächelt, mit einer japanischen Touristin geplaudert und zu ihrem grossen Amusement zum Abschied eine Verbeugung angedeutet, statt ihr in europäischer Banausen-Manier die Hand zu schütteln. Half alles nichts. Mein geliebtes Handtäschchen wurde mir praktisch unter den Füssen weggeraubt, inklusive Schlüssel, Portemonnaie und meinem Ehrgefühl. Danke, Wien, für deine herzliche Begrüssung. Ich entwickelte mich auf einen Schlag zu einem weinerlichen, misanthropen Geschöpf.

Detail Nr. 2: The Curious Case of Melanies Face

Einige Tage später sollte ich mein Vertrauen in das Gute im Menschen wenigstens temporär zurückgewinnen. Mir wurde nämlich von einem älteren Herrn ein Stempel aufgedrückt – selbstverständlich im übertragenen Sinne. Die Proben, an denen ich mitarbeiten darf, finden im Altersheim „Helfende Hände“ statt. Ein toller Name, finde ich, und ein toller Ort, um ein Stück über die Angst vor der Einsamkeit des Alters einzustudieren. In besagten Heim hielt ich also besagtem altem Mann die Lifttür auf, worauf er mich anblickte und folgenden weisen Ausspruch von sich gab: „Sie sind ein lustiger Mensch. Weil Sie so lachen.“ Ich muss sagen, mit dem Etikett lässt es sich ganz gut leben.

Detail Nr. 3: The Curious Case of Melanie and the Drunkard

Dass das Glück jeweils dann aufzutreten pflegt, wenn man es am wenigsten erwartet, scheint mehr als eine abgedroschene Phrase zu sein. So nimmt es zum Beispiel die Gestalt von Betrunkenen in tschechischen Bahnhofswartesäälen an. Da befand ich mich nämlich gestern, für stolze zwei Stunden, die Hände tief in den Taschen meines Mantels vergraben und neben mir zwei Plastiktüten als Gepäckstücke (genauere Erläuterungen dieser Umstände auf Anfrage). So sass ich also und bemitleidete mich fleissig, als ein mittelalter Mann auf mich zutorkelte. „Schau, Mädchen, das ist für dich“, sagte er, blickte mich mit glasigen Augen an und streckte mir ein kleines Fläschchen mit böhmischem Kräuterschnaps hin. Überrumpelt von dieser unerwarteten Empathie bedankte ich mich etwa fünfmal in Folge. „Einmal Danke sagen reicht. Na komm, das wird schon wieder.“ Dann drehte er sich um und verschwand in der verschneiten Nacht.

Stünde das Fläschchen heute nicht auf meinem Nachttisch, ich würde mir selbst nicht glauben. Ich werde es nicht austrinken. Nicht aus Angst vor ansteckenden Krankheiten (zumindest nicht primär), sondern als Erinnerung an die unergründlichen Wendungen, die das Schicksal manchmal einschlägt.