Gesellschaft | 18.01.2010

„Die Modefotografie ist irreal geworden“

Text von Leo Dietrich
Früher war er Model, heute fotografiert er: Der in der Schweiz lebende Amerikaner Ryan Jerome über seinen Rollenwechsel und weshalb für ihn die Schweiz das Zentrum Europas ist.
Dass Ryan Jerome aus der kreativen Fotografie kommt, merkt man den Bildern an. Fotos: PDJerome fotografiert mittlerweile in vielen Metropolen dieser Welt.Auf dem Set setzt Jerome auf eine ungezwungene Atmosphäre.

Wie sind Sie zur Modefotografie gekommen?

Ryan Jerome*: Das ging über viele Umwege. Im Teenageralter startete in den USA meine internationale Karriere als Model. Danach reiste ich berufsbedingt viel in der Welt herum. Nebenbei habe ich Grafikdesign studiert und weltweit als Freelancer gearbeitet. Zu diesem Metier gehört selbstverständlich auch ein bestimmtes Grundwissen an Fotografie. Wie es in diesem harten Modebusiness üblich ist, gilt man bereits früh als alt. Für mich kam dann die Zeit der beruflichen Neuorientierung. Für eine alleinige Zukunft im Grafikdesign konnte ich mich nicht mehr begeistern. So begann ich, vorerst eher unbewusst, mit Kunstfotografie zu experimentieren. Irgendwann einmal integrierte ich Elemente aus der Mode. Plötzlich merkte ich, dass dieses Gebiet viel eher meiner Leidenschaft entsprach und ich das ganze Wissen meiner früheren Modelkarriere einsetzen konnte.

Inwiefern verschafft Ihnen Ihr Wissen Vorteile?

Ich denke, dass ich dadurch ganz anders an die Sache rangehe. Beispielsweise versuche ich die Fotoshootings in einer lockeren Atmosphäre durchzuführen. Jeder Beteiligte soll sich wohl fühlen und gar nicht merken, dass er eigentlich am Arbeiten ist. Motivation ist mir deshalb sehr wichtig. Kein Shooting gleicht dem anderen. Es ist jedes Mal ein anderer Ort mit seinen speziellen Eigenheiten. Auch entspreche ich überhaupt nicht dem Bild eines typischen Fotografen mit Bart, Poloshirt und verwaschenen Jeans. Während den Aufnahmen versuche ich mich in die Models hineinzuversetzen und kann so einfacher Anweisungen geben, da ich genau weiss, wo die Schwierigkeiten liegen. Natürliche Körperhaltung und Ausdruck bevorzuge ich, aber viele Models posieren zu übertrieben. In solch einem Fall sage ich dann einfach: Smile with your eyes!

Welche Projekte verfolgen Sie?

Seit zwei Jahren wohne ich in der Schweiz. Das ist für mich der Mittelpunkt Europas. Jede grössere Metropole ist in bequemer Reichweite: Mailand, Paris, London, St. Petersburg. Dort sind auch viele gute Models für meine Arbeiten vorhanden. Momentan konzentriere ich mich auf Designer-Kollektionen und versuche, mir keine Möglichkeiten für ein Editorial entgehen zu lassen. Hier habe ich zudem ein super Team und konnte mir bereits ein gutes Netzwerk aufbauen.

Was halten Sie davon, dass heutzutage immer mehr Zeit für die Bildbearbeitung statt fürs eigentliche Fotografieren aufgewendet wird?

Ich denke, dass die Modefotografie grösstenteils sehr irreal geworden ist und vor allem die Fantasie der Menschen beziehungsweise ihre Wunschvorstellungen widergibt. Dadurch sieht man das eigentliche Bild nicht mehr, was ich persönlich schade finde. Selber bevorzuge ich den ursprünglichen Ansatz der Fotografie, weil es sich dabei nicht um ein „Grafikerprodukt“ handelt.

*Ryan Jerome ist 25 Jahre alt und lebt heute in Zug.

Mehr Fotos von Ryan Jerome: Nächste Woche in der Bildstrecke.

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