Gesellschaft | 04.01.2010

Die innere Balance der Spinat-Feta-Lasagne

Text von Sigrun Stulz | Bilder von Sigrun Stulz
Auf dem Stundenplan stehen Mathematik, Franzöisch, aber auch Gartenbau und Nähen. Die Rudolf Steiner Schule richtet sich nach dem Grundsatz "Lernen mit Kopf, Herz und Hand". Aber wieviel haben die Steinerschülerinnen und -schüler wirklich am Hut mit kosmischen Strahlen und gutem Karma? Ein ganz gewöhnlicher Schultag in der Rudolf Steiner Schule Basel.
"Ufo inmitten einer Marslandschaft": Innenhof der Rudolf Steiner Schule Basel. Werkunterricht, wo freie Entfaltung möglich ist, ist ein wichtiger Bestandteil des Stundeplans. Entspannte Atmoshpäre beim gemeinsamen Musizieren.
Bild: Sigrun Stulz

Das sechseckige Schulhaus im blattlosen Wald erinnert ein bisschen an ein Ufo inmitten einer Marslandschaft. Im Innenhof stehen farbige Pavillons und bunte Baumstämme, auf denen einige Kinder herumturnen. Beim Eintreten zweifelt der Besucher einen Moment daran, ob er wirklich in einem Schulhaus ist. Denn hier fehlt der übliche Mief aus billigem Putzmittel, Schweiss und Staub, der sonst jede Schule umgibt. Über der Eingangstür steht in grossen Lettern „Rudolf Steiner Schule Basel“.

„Wir haben jetzt zuerst zwei Lektionen lang Epochenunterricht, im Moment Mathematik“, erklärt Michael Flückiger, mein Begleiter für den heutigen Tag, und führt mich durch ein Labyrinth von Fluren zum Klassenzimmer. Im Gegensatz zu den staatlichen Schulen wird an den Steinerschulen nicht immer nach dem gleichen Stundenplan unterrichtet. In der morgendlichen Doppelstunde konzentriert man sich alle paar Wochen in sogenannten Epochen auf ein anderes Fach.  

Hausaufgaben sind freiwillig

Ich luge zuerst einmal vorsichtig ins Klassenzimmer und versuche auszumachen, was mich dort erwartet. Die Schüler sehen aus wie alle Jugendliche. Gekleidet in Chucks und Jeans sitzen sie auf ihren Stühlen, unterhalten sich mit ihren Mitschülern oder stopfen noch hastig den iPod in die Schultasche. Was ich sehe, ermutigt mich soweit, dass ich mich rasch ans hinterste Pult setze.  

Musik und Gespräche verstummen, stattdessen widmet sich die Klasse jetzt der Mathematik. Der Lehrer geht durch die Reihen der Schüler, verschafft sich einen Überblick über deren Lernstand und hat immer Zeit für Fragen. Die Hausaufgaben sind nicht gemacht? Das ist kein Problem, denn die sind in Steinerschulen grundsätzlich nicht obligatorisch. „Das ist der Vorteil hier“, meint Michael, „der Unterricht ist nicht so streng strukturiert, du kannst vieles selbst einteilen“.  

Eltern waren unzufrieden mit der Staatsschule

Auch die anderen Schüler mögen die Steinerschule eigentlich und räumen mit ein paar Vorurteilen auf. „Es ist nicht so, als würden wir alle zu Hause nach den anthroposophischen Grundsätzen leben, uns vegetarisch ernähren und selbstgestrickte Pullis aus biologischer Wolle tragen“, schmunzeln sie über Klischees. Michael erklärt: „Die meisten von uns sind hier auf der Schule, weil unsere Eltern nicht mit dem System der Staatsschulen zufrieden sind. Sie wollten uns nicht so früh dem Leistungsdruck und Notenstress aussetzen“. Also haben die Steinerschüler nichts am Hut mit kosmischen Strahlen und gutem Karma? „Nein, kein bisschen“, sagen sie.  

Spinat-Feta-Lasagne stärkt Seele

Die Elemente der Steiner-Philosophie werden in der Schule dennoch praktiziert. Man legt viel Wert auf handwerkliche Fähigkeiten und eine vielseitige Ausbildung. So lernen die Schüler zwar Französisch, Geschichte und Mathematik, aber auch Nähen, Schweissen und Gartenbau.  

Auch Kochen steht auf dem Lehrplan. In der Schulküche wird das heutige Menu vorbereitet: Möhrensuppe zur Vorspeise, dann Spinat-Feta-Lasagne und zum Nachtisch Apfelauflauf. Grundsätzlich wird im Kochunterricht sowie in der Schulkantine vegetarisch gekocht, alle Produkte sind biologisch angebaut, zum Teil stammen sie aus dem Schulgarten. Nach Rudolf Steiner habe alles, was wir zu uns nehmen, einen bestimmten Einfluss auf die empfindliche Balance zwischen Körper, Geist und Seele. So soll die Spinat-Feta-Lasagne mithilfe von kosmischer Strahlung die Seele stärken und ihr Ausgeglichenheit verleihen.  

Während in der Küche eifrig gearbeitet wird, wird auch in anderen Ateliers besonderen Wert auf die „geistige Entfaltung“, sprich die Gestaltungsfreiheit gelegt. Kleidungsstücke nähen, eigene Kommoden gestalten oder Öllampen aus Kupfer zurechthämmern: das alles gehört zum schulischen Alltag.   

Amoklauf wäre undenkbar

Während des gemeinsamen Mittagessens wird rege diskutiert, besonders über die Amokläufe der vergangenen Woche in Deutschland (noch im 2009, Anm. d. Red.). Empörung mischt sich mit Ungläubigkeit und Unverständnis. Für die Steinerschüler ist klar: in ihrer Schule könnte so etwas nie passieren, weil „wenn du dein Kind auf eine Steinerschule schickst, symbolisiert das ja schon ein gewisses Interesse an ihm. Du willst nicht, dass es dem Leistungsdruck ausgesetzt ist. Dann würdest du ja auch merken, wenn es so grosse Probleme hat, dass es plant seine Mitschüler, Lehrer und sich selbst umzubringen. Auch die Lehrer sind Vertrauenspersonen für uns. Wenn es jemandem nicht gut geht, suchen sie gemeinsam mit uns nach Lösungen und stellen dazu schon mal den gesamten Unterricht auf den Kopf“.  

Ein Lehrer beweist auch heute die so gerühmte Flexibilität der Lehrerpersonen: Weil die Sonne so schön scheint, findet die nächste Lektion Französisch draussen statt. Die Lektüre wird besprochen und abwechselnd vorgelesen. Eine so entspannte Atmosphäre, die zum Lernen einlädt, wünscht sich wohl mancher Staatschüler.  

Musik mit dem Körper erfahren

Anfangs wirkt Eurythmie wie so einiges an der Steinerschule ein wenig merkwürdig. Die Klasse tanzt mit weissen Gymnastikschuhen an den Füssen durch den Raum. Bei dieser Übung entspreche jede der Bewegungen einem Buchstaben. Dabei komme auch der Steinersche Grundsatz „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“ zum tragen. Mit diesem Ausdruckstanz sollen Theaterstücke, Gedichte oder Musik auf eine neue, körperliche Art und Weise erfahren werden.

Ob Eurythmie wirklich hilft, die innere Balance zu finden und damit sogar den tieferen Sinn des Lebens zu erkennen? Die Meinungen von Ärzten und Autoren als auch die der Schüler gehen weit auseinander und reichen von „absoluter Blödsinn“ über „ganz lustig, aber nicht nützlich“ bis zu „wirklich super!“.  

Musik ist ihr Element

Wenn Eurythmie und Kopf-Fächer von einigen Schülern mit eher geringem Interesse bedacht wurde, lockt die anschliessende Musikstunde sogar die letzten aus ihrer Reserve. Die „Waldis“ sind bei den musischen Fächern in ihrem Element.

Mit „Sound of Silence“ findet der Schultag sein Ende und ich sitze erst einmal still auf meinem Stuhl und kann nicht glauben, dass der Tag schon vorbei ist. Mit Kopf, Herz und Hand habe ich die Steinerschule erfahren, aber ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich sie auch verstanden habe.  

Auf dem Weg nach draussen betrachte ich die komischen Säulen im Vorraum. Dann ein letzter Blick zurück zum Schulhaus, das mir freundlich zuzublinzeln scheint.