Kultur | 25.01.2010

Der deutsche Herbst

Text von Isabelle Suremann | Bilder von eskommtdertag.de
Obwohl das Thema "der deutsche Herbst" nur allzu gerne von Filmemachern aufgenommen wird, wurde noch nie so ein persönliches Thema aufgegriffen wie in Susanna Schneiders erstem Kinofilm "Es kommt der Tag".
Alles andere als ein Roadmovie: "Es komm der Tag" /
Bild: eskommtdertag.de

Mit dem gewohnten Schnattern, das vor Beginn eines Filmes den Kinosaal erfüllt – beispielsweise über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Sitzplätze oder vergangene Konzerte – betrete ich das Kino, in dem in einigen Minuten ein Film zu einem gar nicht so gewöhnlichen Thema ausgestrahlt werden sollte. Denn obwohl das Thema „der deutsche Herbst“ nur allzu gerne von Filmemachern aufgenommen wird, wurde noch nie so ein persönliches Thema aufgegriffen wie in Susanna Schneiders erstem Kinofilm „Es kommt der Tag“.

Mit überwältigen Bildern wird über die Geschichte von Alice berichtet, die ihre leibliche Mutter sucht. Diese kannte sie bis anhin noch nicht, da ihre Mutter (Jutta) sie zur Adoption freigegeben hat, als sie mit der im Untergrund agierenden „Bewegung 2. Juni“ einen bewaffneten Raubüberfall plante und durchführte. Gut 30 Jahre später spürt Alice sie auf und stellt sie zur Rede. Jutta hat sich  inzwischen ein gut behütetes Leben als Winzerin, Ehefrau und Mutter zweier Kinder aufgebaut. Sie ist aktiv dabei, wenn es um politische Anliegen in ihrer Gemeinde geht und abgesehen von den normalen Streitereien ist sie eine gute Mutter und Ehefrau.

Mit hervorragendem Schauspiel und einer unglaublichen Spannung wird dargestellt, wie Schritt für Schritt die Familie über Juttas Vergangenheit aufgeklärt wird. Während Alice es pervers findet, dass ihre Mutter gewissermassen für das Wohle der Kinder in der dritten Welt gekämpft und gleichzeitig ihre eigene Tochter sitzen gelassen hat, bereut Jutta zutiefst, dass sie ihre Tochter im Stich gelassen hat – nicht aber ihre Taten.
Inmitten des Konflikts zwischen Mutter und Tochter steht eine Familie, die genau wie Alice nicht weiss, wer Jutta wirklich ist. Während Juttas Mann Jean-Marc ihr eine zweite Chance geben will, wenden sich die Kinder immer mehr von der Mutter ab: Sohn Lucas reagiert mit Aggression, Tochter Francine mit Alkohol.

Vor allem heraus sticht im Film die Liebe zum Detail. Jede kleinste Einzelheit findet ihren Platz: Das morgendliche Kaffeetrinken, lange Autofahrten von Alice, Streit und Versöhnung dank Crêpes zwischen Jutta und Francine, Trinkspiele von Lucas in der Bar, die Abrechnungen ihres Betriebes von Jutta und Jean-Marc. Diese kleinen Details machen schliesslich dann auch die Spannung der Konflikte, der Annährungen und der Streitereien spür- und erlebbar. Jede kleinste Gestik, jede Mime wird eingefangen und offenbaren die Gefühle der einzelnen Personen.

Das Einzige, in was der Film meiner Meinung nach versagt, ist das Drehbuch. Denn wenn ein Thema wie der „deutsche Herbst“ aufgegriffen wird, sollte der Hintergrund der Geschichte doch ein wenig Platz haben und über Plattitüden wie „die Familie verkörperte damals genau das alles, was wir nie wollten“ oder „die heutige Jugend hat keine Ahnung mehr, was es heisst, für etwas zu kämpfen“ hinausgehen. Das etwas unvollständige Drehbuch wird allerdings von der überragenden Arbeit der Regisseurin, der Schauspieler und des Kamerateams verdeckt. So sehr, dass es am Schluss des Filmes gar nicht mehr so auffällt.