Gesellschaft | 25.01.2010

Bürgermeisterliches Verständnis

Text von André Müller | Bilder von Fabian Lengwiler
Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit von Dr. Nevert Aguilera besteht darin, den guten Draht zu den Behörden aufrecht zu erhalten. Auch in Lomerío sind sie Partner, ohne die kein Gesundheitsprojekt möglich wäre.
Der honorable alcalde, ein umgänglicher Mensch. Zurück durch die Dunkelheit nach Santa Cruz.
Bild: Fabian Lengwiler

Zum Abschluss der Woche in Lomerío besucht Dr. Aguilera den Bürgermeister des Bezirks in San Antonio. Don àngel ist ein umgänglicher Mensch, kleidet sich bescheiden in Jeans, Regenjacke und Baseballkappe. Aufmerksam hört er dem Mediziner zu, der sich nicht scheut, die festgestellten Probleme direkt anzusprechen. Die Impfquote bei Kindern ist in den Programmen, die das SRK finanziell unterstützt und vom örtlichen Gesundheitspersonal durchgeführt werden, klar zu niedrig.

Gesundheit statt Politik

Dr. Aguilera kritisiert auch, dass die Krankenpfleger in Ernährungsprojekten keinen gesundheitlichen Nutzen sehen und deren Umsetzung verzögern. Um eine optimale Gesundheitsversorgung zu erreichen, müssten aber auch die Faktoren Ernährung, Organisation und Ausbildung miteinbezogen werden. Der Bürgermeister hört aufmerksam zu, erwidert bisweilen einige Worte und verspricht Besserung der Situation. Sicher hilft die entspannte Atmosphäre zwischen den beiden Männern, auch solch‘ heikle Probleme sachlich diskutieren zu können.

Auf der Rückfahrt meint Aguilera denn auch: „Der gute Kontakt mit den Behörden vereinfacht unsere Arbeit sehr. Auch sie sehen ein, dass Gesundheitspolitik nicht nur aus Spitälern und Medikamenten besteht, sondern auch die Ernährung beinhaltet.“ Die politischen Probleme im Bezirk, welche im vergangenen Jahr zu Auseinandersetzungen mit mehreren Verletzten geführt haben, erwähnt Aguilera im Gespräch mit dem Buergermeister bewusst nicht: „Es ist wichtig, dass wir uns als Rotes Kreuz nicht in die politische Angelegenheiten einmischen, weil dies unser Engagement hier beeinträchtigen könnte. Nicht umsonst haben wir in unseren Statuten einen entsprechenden Grundsatz.“

Heimfahrt unter gutem Stern

Am Sonntag schliesslich kehrt Dr. Aguilera zurück nach Santa Cruz, wo er zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen lebt. Natürlich vermissen sie ihn, wenn er in den Projektgebieten unterwegs ist, doch an den Arbeitsbedingungen lässt sich kaum etwas ändern. Schon in der darauf folgenden Woche wird er eine indigene Stammesgemeinschaft in Tentayape besuchen, zwölf Autostunden von zu Hause weg. Aber der Arzt liebt seine Arbeit zu sehr, um eine Arbeitsstelle in der Stadt, die wahrscheinlich auch besser bezahlt wäre, zu suchen.

Der Regen hat der Strasse zugesetzt. Doch es sind immer noch die gleichen Schlaglöcher und Rinder, welche die Fahrt verzögern, die gleichen Bäume am Wegrand unter demselben Sternenhimmel, welche ihn auf der Fahrt begleiten. Hat sich Lomerío verändert? „Ein wenig bestimmt. Und hoffentlich zum Guten!“ meint er lachend, schiebt sich ein weiteres Kokablatt in den Mund und braust in die Dunkelheit davon.