Gesellschaft | 04.01.2010

Auf der Suche nach dem Minarett

«Die Angst vor dem Islam entsteht durch Unwissenheit", meint Sahit Cerimi vom Islamisch-Albanischen Verein. Tink.ch besuchte ihn in seiner Winterthurer Moschee und hielt Ausschau nach dem Minarett.
Das Minarett der Moschee in Winterthur ist eines der drei umstrittenen Türmchen in der Schweiz.
Bild: wikimedia.com

Die Gemüter haben sich langsam wieder gelegt. Die Demonstrationen sind auch vorbei. Was bleibt ist das irritierende Ergebnis: „Der Bau von Minaretten ist nun verboten.“ Dies ist ab sofort im Artikel 72, Absatz 3 in der Bundesverfassung gesetzlich verankert.

 

Die Diskussionen um das Resultat der Minarett-Initiative mögen inzwischen einige von euch nicht mehr hören. Mir geht es im Grunde genommen gleich. Um ehrlich zu sein, möchte ich die Minarett-Initiative eher nebensächlich und unterschwellig nochmals Revue passieren lassen, hauptsächlich möchte ich in diesem Artikel auf ein beinahe unsichtbares Minarett hinweisen. Unsichtbar, weil es sich in Winterthur befindet, im übrigen eine der wenigen Schweizer Städte, welche die Initiative bachab schickten, und ich, obwohl ich seit einem halben Jahr dort lebe, (und dazu noch selber Moslem bin) nichts davon gewusst oder gesehen hab.

 

Kleines Minarett

Es war ein regnerischer Montag. Ich stand vor einem eher unscheinbaren Gebäude und wartete darauf, dass ich durch die Moschee des Islamisch-Albanischen Vereins an der Kronaustrasse 6 in Winterthur geführt werde. Der Islamisch-Albanische Verein hat 2002 eine Gewerbehalle im Industriequartier Grüze übernommen. 2005 wurde schliesslich ein Baugesuch für ein Minarett eingereicht. Schon auf dem Weg zur Moschee habe ich fieberhaft nach dem Minarett Ausschau gehalten, wurde aber immer wieder enttäuscht. Als ich dann schliesslich vor dem Gebäude stand, schaute ich nach oben und musste unweigerlich lachen. Dieses knapp drei Meter hohe Türmchen soll also den Machtanspruch des Islam symbolisieren?

 

Die Führung begann im Gebetsraum der Moschee. Als erstes fiel mir der wunderschöne Kronleuchter ins Auge. „Aus Istanbul importiert“, erzählt mir Sahit Cerimi nicht ohne Stolz. Sahit Cerimi, 24, ist Sekretär des Islamisch-Albanischen Vereins. Er verrichtet diese Arbeit auf ehrenamtlicher Basis. Der Islamisch-Albanische Verein unterstützt den Dachverband „Verein Islamischer Organisationen in Zürich“ (VIOZ), welcher sich für den Abbau von Misstrauen und Vorurteilen gegenüber Muslimen einsetzt. Die Führung wurde im Gebetsraum fortgesetzt, Herr Cerimi wies mich auf den „Mihrab« und den „Minbar« hin. Der Mihrab ist eine mit Koraninschriften verzierte Wandnische, die dem Betenden die Gebetsrichtung nach Mekka weist. Die Minbar ist ein steinernes Treppenpodest und dient dem Imam (Vorbeter) als eine Art Predigerkanzel beim wöchentlichen Freitagsgebet.

 

Frauen höhergestellt

Anzumerken ist, dass dieser Gebetsraum den Männern vorbehalten ist. Der Platz, wo die Frauen beten können, ist dem der Männer höhergestellt. Er befindet sich auf einer Art Balkon über dem Gebetsraum der Männer. Nichts deutet hier auf eine Unterdrückung gegen das weibliche Geschlecht hin. Bevor die Führung weiter ging, sprach ich Sahit Cerimi auf das scheinbar umstrittene Minarett an. Es habe sich noch nie jemand über das Minarett beschwert, sagt der junge Sekretär. Die Führung geht weiter in einen Unterrichtsraum, wo die Kinder der Mitglieder Koranunterricht erhalten. Hier werden aber auch Deutschkurse durchgeführt, womit die Integrationsförderung direkt in der Moschee selber betrieben wird. Schliesslich endete unsere Tour im Aufenthaltsraum der Moschee, wo man sich nach dem Gebet trifft um sich auszutauschen und gemeinsam den Abend ausklingen zu lassen.

 

 

 

Beim gemeinsamen Kaffee äusserte sich Sahit Cerimi zur Minarett-Initiative:

 

Sahit Cerimi, wie erklären Sie sich den Erfolg der Initiative?

Sahit Cerimi: Ich denke zu den Hauptgründen gehören die Vorurteile, die es in der Gesellschaft über Moslems gibt. Einen Beitrag dazu leisten auch die Medien, indem mehrheitlich negative Beiträge zum Islam publiziert werden. Ein weiterer wichtiger Grund ist auch, dass der Unterschied zwischen Kultur und Religion nicht klar genug zu sein scheint. Das sind zwei Dinge, die es klar zu trennen gilt.

 

Wie haben die Mitglieder Ihres Vereines auf die Annahme der Initiative reagiert?

Natürlich sind wir enttäuscht über den Ausgang der Initiative, denn damit werden keine Probleme gelöst, sondern eher neue entstehen. Man fühlt sich als Moslem ausgeschlossen und abgelehnt, obwohl man in einem offenen und toleranten Land lebt. Aber wir müssen den Entscheid im Namen der Demokratie akzeptieren.

 

Wofür braucht es eigentlich Minarette?

Früher wurden die Minarette als Wachtürme benutzt und natürlich rief der Muezzin von dort zum Gebet auf. Heute dagegen hat das Minarett stark an Bedeutung verloren. Es dient im weitesten Sinne dazu, die Moschee als solche zu kennzeichnen.

 

Wie kann man die Angst vor dem Islam vermindern?

Die Angst entsteht ja durch Unwissenheit. Diese lässt sich nur durch Aufklärung und Dialog vermindern. Um diesen Dialog herzustellen, veranstalten wir zum Beispiel jährlich einen Tag der offenen Tür. Hier ist jeder Interessierte eingeladen, sich zu informieren; aber auch an anderen Tagen sind alle herzlich eingeladen.