«Killergames zerstören unsere Zivilisation»

Herr Näf, Ihre Motion wurde heute im Grossen Rat mit 63 Ja- zu 57 Neinstimmen angenommen. Was beinhaltet die Motion genau?

Roland Näf: Sie beinhaltet zwei Punkte. Der erste Punkt ist die Standesinitiative, in welcher der Kanton Bern von der Eidgenossenschaft eine Stelle fordert, die bei jedem Game bestimmt, ob es ab 18, 16 oder 14 Jahren gespielt werden darf. Der zweite Punkt fordert vom Kanton Bern ein Gesetz mit Sanktionen, welche eintreten, wenn der Jugendschutz nicht eingehalten wird.

Jugendschutz, den kennen wir doch bereits beim Alkohol. Und dort ist kein grosser Erfolg zu verzeichnen.

Ja, das ist so. Bei den Games ist es sogar noch schwieriger als beim Alkohol. Entscheidend ist, was das Gesetz in den Köpfen bewirkt, ein Bewusstsein des Unrechts.

Aber ist es nicht merkwürdig, wenn “ältere Politiker” einen Entscheid treffen, ohne eigene Erfahrungen mit der Materie gemacht zu haben?

Ich bin selbst auch ein “alter Knacker”. Oder aber ich bin Informatiker und ehemaliger Programmierer. Und ich kenne junge Leute, die mein Anliegen durchaus unterstützen.

Viele Spieler sagen, sie können zwischen realer und grausamer virtueller Welt, wo das Blut in Mengen fliesst, unterscheiden. Wo liegt da das Problem?

Das Problem ist nicht das Grausame. Die Schwierigkeit sind Handlungsschemen, die in diesen Games vermittelt werden. Die Art, wie wir mit jemandem umgehen, trainieren wir während unserer ganzen Entwicklung. Wir haben einen irrsinnigen Fortschritt gemacht in unserer Zivilisation. Und jetzt setzen wir eine ganze Generation dem Risiko der Zerstörung aus, weil alle Werte, die wir während Jahrhunderten aufgebaut haben, von diesen Spielen über den Haufen geworfen werden. Ein solcher Spieler wird das nächste Mal, wenn er draussen in der Gasse angesprochen wird, nicht diskutieren sondern einfach eins auf den Kopf hauen.

Ihrer Meinung nach haben also alle, die ein solches Game spielen, ein psychisches Problem?

Nein, so würde ich das nicht ausdrücken. Was man experimentell zeigt, ist, dass das Mitgefühl bei jedem sinkt. Dass jeder aggressiv wird, ist Blödsinn. Und bei den Beziehungen ist der Umgang mit Sexualität ein Problem. Wenn man die Sexualität in Games immer im Zusammenhang mit Gewalt trainiert, dann hat man nachher ein höchst unangenehmes Sexualverhalten.

Sie haben alle Spiele selbst durchgespielt. Damit haben Sie ja Ihre ganze Erziehung über den Haufen geworfen?

Ja, ganz eindeutig. Ich hatte so manche Schweissausbrüche. Das ist ein ekliges Gefühl. Es fasziniert mich, wie diese Games gemacht sind. Wenn man sich durchschiesst, gibt das ein Gefühl von Stärke und Überlegenheit. Man ist ein grosser Held. Auf der anderen Seite fragt man sich: “Was machst du für eine Schweinerei?” Wenn ein Polizist hier auf der Strasse kommt und motzt, dann – pam! – Kugel in den Kopf. Ja, wir hätten ein Problem, weil das ja nicht unbedingt die Handlungsschemen sind, die wir uns wünschen.

Wie sieht der mediale Jugendschutz im internationalen Vergleich aus?

Wir sind das einzige Land ohne medialen Jugendschutz.

Können in anderen Länder die Gesetze durchgesetzt werden?

Durchsetzen nicht, das ist schwierig. Man stellt aber fest, dass der Verkauf von Killergames abnimmt. Der Götti geht ein solches Spiel nicht mehr kaufen. Jeder Junge, der weniger Zeit mit solchen Games verbringt, ist ein Gewinn für die Gesellschaft.

Aber dennoch gibt es in Deutschland mehr Gewaltprobleme als in der Schweiz?

Ja, das ist spannend zu sehen. Europaweit nehmen Gewaltprobleme von Süden nach Norden zu. Es gibt Erklärungsversuche von Pfeiffer, einem deutschen Psychologen. Je mehr Kinder im Game drinnen sind, umso mehr nimmt die Gewalt zu. Ein Verbot ist eine Massnahme, aber es gibt noch anderes. Es braucht viel Aufklärung und vor allem endlich gute Games!

Was macht ein gutes Game für Sie aus?

Ein Spiel, das durchaus kämpferisch sein darf. Im Moment, in dem man jemanden abknallt oder etwas macht, das nicht den Menschenrechten entspricht, sollte man mit Punkten bestraft werden. Ich war schon immer dafür, ein Game ab dann zu verbieten, wenn man für grausame Gewalt Punkte erhält. Man sollte Punkte erhalten, wenn man beispielsweise einen Terroristen festnimmt, ohne ihn zu erschiessen.

Nicht alle Jugendlichen sind Ihrer Meinung, was den Jugendschutz betrifft. Heute war der Jugend-Grossrat-Tag, eine Chance mit der Jugend in den Dialog zu treten. Konnten Sie profitieren?

Ich habe viele Streitgespräche mit Jugendlichen, da ich Schulleiter und Lehrer bin. Ich bin vertraut mit den Schülern und nicht einer der Grossräte, die an diesem Tag ihren einzigen Kontakt zu den Jugendlichen haben. Das Spezielle ist, dass das hier eine Elite von Jugendlichen ist, eine soziale Selektion. Diejenigen, die problematisch werden, sind nicht hier.

Jetzt muss zum Schutz vor medialer Gewalt ein Gesetz ausgearbeitet werden.

Im Kanton Bern müssen sie hinter die Jugendschutzbestimmung, während sie in der Eidgenossenschaft hinter strafgesetzliche Bestimmungen für Games gehen müssen. Ich rechne damit, dass in fünf Jahren solche Spiele verboten sein werden.

Zur Person


Roland Näf, geboren 1957, ist Vizepräsident der SP Kanton Bern, Schulleiter, Lehrer und Programmierer. Näf setzt sich stark ein für bildungspolitische Themen und für mehr Jugendschutz. Mit mehreren Vorstössen kämpft Näf seit Jahren für ein Verbot von medialer Gewalt in der Schweiz, insbesondere für ein Verbot von Killergames. Seine neuste Motion wurde letzte Woche vom Grossrat angenommen, jetzt arbeiten Kanton und Bund entsprechende Vorschläge für Gesetze aus. Roland Näf ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er lebt in Muri bei Bern.

Elternabend als Medienkurs

Jugendliche verbringen heute ihre gesamte Freizeit mit elektronischen Medien. Dabei kommen sie mit ungeeigneten Inhalten in Kontakt. Die Eltern wissen oft zu wenig über Computer. Sie sind sich nicht über die möglichen Gefahren bewusst, oft unterschätzen sie diese schlicht. Insbesondere gilt das für die heute extrem realistischen Computergames.  

Kinder und Jugendliche total von den neuen Medien zu trennen, kann nicht erfolgreich funktionieren. Denn gerade das, was verboten ist, soll ja besonders interessant sein. Die Jugendlichen sind aber klar für eine Einschränkung in den Bereichen, wo Suchtgefahr besteht.  

Lösungsansätze

Gemeinsam mit Mitgliedern des Grossen Rats erarbeiteten die Jugendlichen Lösungsansätze. Ihrer Ansicht nach sollen vor allem die Eltern konsequent miteinbezogen und sensibilisiert werden. Dafür gibt es heute schon Kurse, die Eltern über die neuen Medien informieren. Sie sind aber schlecht besucht. Eine Möglichkeit sind auch obligatorische Informationsveranstaltungen. Denn gerade die mit Mediensucht konfrontierten Eltern erscheinen nicht an Kursen, die freiwillig sind.

Die Diskutierenden fragten sich, wieso bis heute wenig erreicht wurde, trotz der Lösungsansätze. Die Schwierigkeit liegt vor allem in der flächendeckenden Durchführung von obligatorischen Kursen. Die dafür zuständigen Dienste sind überlastet. Theoretisch könnte sich das Problem früher oder später auch selbst lösen: Die heutige Jugend, welche die nächste Generation erziehen wird, kennt sich allgemein besser aus mit neuen Medien.  

Früher Radiosucht, heute Computersucht

Grossrat Christoph Grimm von den Grünen fragte, ob eine Diskussion über dieses Thema wirklich wichtig für unsere Gesellschaft sei. Er erzählte von den verschiedenen Suchtformen, die durch den technischen Fortschritt entstanden sind. Vor langer Zeit gab es gar die Radiosucht. Dann kamen Fernsehsucht, Handysucht und Computersucht auf. Das Beispiel der Radiosucht verstanden viele der Jugendlichen nicht. Heute würde schliesslich niemand mehr einen “Radiokompetenzkurs” besuchen. Es sei praktisch unabsehbar, ob immer wieder eine andere Sucht entsteht, sagte der Grossrat. Ob man von Mediensucht betroffen sei und Hilfe benötige, hänge massgeblich von der eigenen Ansicht ab.  

Um Kurse und Informationsveranstaltungen erfolgreich durchzuführen, müssen verschiedene Parteien mithelfen. Grimm sieht die Aufgabe bei den Elternräten. Diese versäumen die Aufgabe aber. Mediensucht und -kompetenz sollte an Elternabenden thematisiert werden. So könnten viele Eltern angesprochen werden. Das wird heute zwar bereits gemacht, offenbar aber zu wenig konsequent.

“Heute ist der Tag, an dem man aktiv zuhört”

Gerhard Fischer (SVP), 58, Meiringen  

“Ich bin überzeugt, dass die Anliegen von heute auch künftig diskutiert werden. Es ist spannend zu hören, was die Jungen bewegt. Sie sollen die Mittel, die sie erhalten, unbedingt nutzen und sich einbringen.”    

Jennifer Glatt, 18, Langnau  

“Ich hoffe, dass unsere Stimme in Erinnerung bleibt. Ich finde es schön, dass die Grossräte mit uns diskutieren, uns ernst nehmen und wir ihnen nicht egal sind, schliesslich sind wir die Zukunft.”

Nadine Masshardt (SP), 25, Langenthal  

“Ich finde den Austausch wichtig, weil viele Fragen, die wir im Grossrat besprechen, auch die Jungen betreffen. Politikerinnen sollen auf die Jungen und ihre Bedürfnisse eingehen.”    

Marigona Isufi, 17, Bern  

“Ich hoffe natürlich, dass unsere Stimme zählt und dass die Grossräte unsere Meinung ernst nehmen.”

Thomas Fuchs (SVP), 43, Bümpliz  

“Die Jungen haben immer die Möglichkeit, etwas zu sagen, sei es mit Leserbriefen, Briefen an Parlamentarier oder indem sie draussen demonstrieren. Heute ist der Tag, an dem man aktiv zuhört.”    

Luca Schmid, 16, Kehrsatz  

“Wenn die Grossräte sich nicht für die Stimme der Jugendlichen interessieren würden, wären sie wohl nicht an diesen Anlass gekommen. Ich hoffe schon, dass wir heute etwas bewirken können.”

Elf Stunden Medienkonsum pro Tag

Elf Stunden Medienkonsum pro Tag! Mit diesem Fazit neuster Forschungen führte ein Gruppenleiter die Jugendlichen ins Thema ein. Fast den halben Tag verbringen Jugendliche heutzutage mit verschiedenen Medien wie Facebook oder Fernsehen. Diese Tatsache erschreckte die Anwesenden und entfachte eine Diskussion über Chancen und Gefahren des stetig wachsenden Medienkonsums.  

Nicht mehr wegzudenken

“Früher sagten mir meine Eltern, wie viel Zeit ich mit elektronischen Medien verbringen soll, heute weiss ich es selber”, sagte eine der Jugendlichen. Eine andere konterte: “Aber viele können gar nicht mehr ohne – oder eigentlich fast alle.” Ähnlich wie in diesem Fall äusserten die Teenager ihre verschiedenen Meinungen und wogen sie gegeneinander ab. In der zweiten Runde konnten sie dann direkt mit Grossrätinnen und Grossräten (Mitgliedern der Berner Kantonsregierung) verhandeln.  

Demokratie hinkt hinterher

SP-Grossrätin Andrea Lüthi gab zu bedenken: “Unsere Demokratie ist zu langsam, um dem technischen Fortschritt nachzukommen.” SVP-Grossrat Gerhard Fischer ergänzte, dass darum die Selbstkontrolle im Bezug auf Medienmissbrauch das A und O sei. Einer der Jugendlichen wollte daraufhin wissen, wie man denn nun vorgehen solle, denn er stelle fest, dass in der Runde alle aufgeklärt seien. EVP-Grossrat Marc Jost beschrieb einen Ansatz, mit dem er bisher gute Erfahrungen gemacht habe: “Private Institutionen wie Vereine sollen Kurse anbieten, um Eltern und Kinder zu sensibilisieren.” Das soziale Netz würde von der Politik gestrickt. Für jene, die durch dieses Netz durchfallen, gäbe es dann die Gesetze.  

Downloads, Social Networks, Youtube, Videoüberwachung: Das sind Themen, die die Jugendlichen beschäftigen und für die sich in absehbarer Zukunft auch die “alten Hasen” im Grossen Rat einsetzen werden.      

Verlieren wir an Freiheit?

“Ich möchte kein Roboter sein, der nach Staatsgesetzen läuft.” – “Das solltest du aber! Auch wenn du nicht von einer Videokamera überwacht wirst!”

Es wird heftig diskutiert im Sitzungszimmer Nummer 5 im Rathaus von Bern. Einmal im Jahr sind die Jugendlichen aus dem Kanton ins Rathaus eingeladen. Neun Jugendliche aus der Stadt Bern sitzen um den grossen Tisch im Raum und debattieren über das Thema “Neue Medien”. Die zunehmende Videoüberwachung bewegt die Gemüter am stärksten. Schnell haben sich zwei Lager gebildet. Gegner und Befürworter versuchen einander zu überzeugen. Videoüberwachung ist ein Thema, das alle betrifft.  

Überwachte Pausenplätze

Mit dem Thema vertraut sind die meisten Jugendlichen durch die Schulhäuser. Es scheint in Mode gekommen zu sein, die Schülerinnen und Schüler auf dem Pausenplatz zu filmen. Man hofft, dank der Kameras Vandalismus und Schlägereien auf den Pausenplätzen verhindern zu können. Dem steht aber die Hälfte der Jugendlichen kritisch gegenüber. “Wie nötig ist es, an einer Schweizer Schule eine Videokamera zu installieren?”, wirft eine Jugendliche in die Runde. Die Schweiz war bestimmt schon sauberer und sicherer als heute. Aber verglichen mit anderen Staaten erscheinen unsere Probleme überschaubar. Auch die Befürworter der Videoüberwachung sind sich einig, dass die Schweiz eigentlich ein sicheres Land ist. “Es findet aber eine negative Entwicklung in der Gesellschaft statt”, meint einer der Teilnehmer.

Er berichtet von Abfallbergen in der Schulmensa. “Seit Videokameras aufgestellt worden sind, lassen viel weniger Schülerinnen und Schüler ihren ‘Chüder’ liegen.” Für Aziz Zulauf von den jungen Grünen können Videokameras aber nicht die Lösung für Abfallprobleme sein. “Mit Videokameras löst man Probleme nicht, sondern schiebt sie weg.”  

Neuralgische Orte

Wenn Videokameras aufgestellt werden, ist viel von “neuralgischen” Orten die Rede. Man stellt die Videokameras vor allem da auf, wo es oft zu Schlägereien, Vandalismus und Übergriffen kommt. Zu den “neuralgischen” Orten gehören nicht nur Schulhäuser, sondern auch Bahnhöfe, Bushaltestellen und Parkanlagen. Auch der Bahnhof Bern ist seit Kurzem videoüberwacht. Für diese Überwachung ist aber nicht die Stadt zuständig, sondern die SBB. Bisher hat die SBB gute Erfahrungen gemacht mit Videoüberwachung. Die Leute würden sich sicherer fühlen und es gebe weniger Sachbeschädigung in videoüberwachten Zügen.    

Warum man sich durch Kameras weniger frei fühlen kann, versteht einer der Teilnehmenden gar nicht. “Warum soll eine Videokamera ein Einschnitt in die Privatsphäre sein?”, fragt er sich. Für andere Jugendliche ist klar, weswegen die Videokameras ihnen ein Stück ihrer Freiheit nehmen: “Ich weiss nicht mehr wo und wann ich gefilmt werde. Gehe ich in ein Geschäft, akzeptiere ich es gefilmt zu werden. Aber auf einer öffentlichen Strasse kann ich mich nicht dazu entscheiden.”

Einig werden sich die Jugendlichen nicht. Wer sich in seiner Freiheit eingeschränkt fühlt, kann gegen die Grösse der Einschränkung etwas unternehmen. Denn es ist noch nicht abschliessend geklärt, wo überall Kameras aufgestellt werden dürfen und was mit dem aufgezeichneten Material geschieht. Aber mit den Kameras leben müssen wir alle.  

Ein alter, dicker Mann

Eine dunkle Silhouette ist auf der Bühne zu sehen. Der unverkennbare Hut lässt vermuten, dass der Frontmann von Stiller Has auf der Bühne gleich sein Bestes geben wird.

Zusammen mit Gitarrist Schifer Schafer, Bassistin Salome Buser und Schlagzeuger Markus Fürst lässt Endo Anaconda charakteristische Bluesklänge durch den Saal sausen, weckt mit seinen Texten patriotische Herzen und hinterfragt die Gesellschaft auf eine witzige Art. Sei auch du bei den philosophischen Tiefgängen und sehnsüchtigen Höhenflügen mit dabei!

Stiller Has ist am Freitag, 29. Januar 2010, um 20.30 Uhr, im Casino Herisau zu sehen.

Vorverkauf


Tickets sind erhältlich bei allen Ticketcorner- und Starticket-Stellen oder online beim Veranstalter Dominoevent.

 

Verlosung


Tink.ch verlost zwei Tickets für das Konzert in Herisau am 29. Januar 2010. Wer gewinnen will, schreibt eine Mail mit dem Betreff "Stiller Has" an: thinh-lay.tong(at)tink.ch. Teilnahmeschluss ist der 28. Januar 2010.

 

 

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Sherlock Holmes im Wilden Westen

“Was für ein industrielles Imperium”, sagt Sherlock Holmes zu seinem Freund John Watson, als sie an der Tower Bridge vorbeifahren, die soeben im Bau ist. Sherlock Holmes liegt richtig: Das England Ende 19. Jahrhundert, von dem Guy Ritchies Film mit eindrucksvoller Kulisse ein düsteres Bild zeichnet, wird in die Geschichte der Industrialisierung eingehen. Dass Holmes jedoch am Ende auf der halbfertigen Brücke die Welt retten muss, weiss er noch nicht.

Schwarze Magie

Die Wuschelhaare noch etwas wilder, die Augen noch etwas dunkler und Robert Downey Junior als Sherlock Holmes gäbe einen genialen Verbrecher ab. Superhelden zieht es spätestens in Teil drei einer Filmtrilogie auf die dunkle Seite der Macht. So erging es Spiderman, und so könnte es auch Ironman ergehen, den der Amerikaner Downey Junior diesen Sommer zum zweiten Mal spielt.

Tatsächlich bekommt es denn auch Downey in der Rolle von Sherlock Holmes dieses Mal mit Schwarzer Magie mit all ihren Verlockungen zu tun. Sein Herausforderer, der amüsant-mysteriöse Lord Blackwood (Mark Strong) bewegt sich jenseits irdischer Logik. “Tod ist nur der Anfang”, er werde aus dem Grab auferstehen und weitere Morde begehen, verkündet Blackwood vor seiner Hinrichtung.

Fechtduelle und Explosionen

Bevor es zum Duell mit Lord Blackwood kommt, gehen Holmes und Watson auf Schnitzeljagd und diese führt sie ebenso durch das ärmliche London wie durch die obersten Schichten der Gesellschaft. Sherlock Holmes sammelt Puzzleteil für Puzzleteil und denkt sie sich zusammen. In Zeitlupe sehen wir, was Holmes denkt: Wie kurz zuvor jemand in der Badewanne ermordet wurde, wie jemand in diesem Moment in eine Kutsche steigt, wie nächstens eine Bombe explodieren wird.

Obwohl die Filmfigur Holmes ähnlich ermittelt wie die Romanfigur, ist das Rätsel, das Lord Blackwood Holmes und dem Publikum stellt, viel banaler als Conan Doyles Fälle. Viel mehr beschert Blackwood dem Publikum James-Bond-reife Prügeleien und Explosionen. “Bondgirl” ist die ebenso schöne wie unberechenbare Irene Adler (Rachel McAdams). Und die Dame und die Gentlemen raufen sich, als wären sie im Wilden Westen und tragen schliesslich Fechtduelle aus, wie Johnny Depp in Fluch der Karibik.

Komponist Hans Zimmer kann entsprechend aus seinem enormen Repertoire an Filmmusik (zu dem auch “Fluch der Karibik” gehört) schöpfen. Bond’sche Action statt Holmsch’er Krimi: das ist mässig spannend, unterhält aber allemal – nicht zuletzt dank britischem Humor.

Holmes bleibt Holmes

Jude Law frischt die Rolle von Holmes treuem Freund John Watson auf. Statt wie in früheren Verfilmungen nur bewundernder Assistent zu sein, sind Watson und Holmes in Guy Ritchies Film beste Freunde: “you means us”, du heisst wir, sagt Holmes. Trotz privater Zankerein retten sie am Ende mit Spürsinn, Kampftechnik und einer gehörigen Portion Glück ihr “industrielles Imperium” England.

Die Modernisierung veränderte England langfristig. Sherlock Holmes aber bleibt auch nach dieser ungestümen Verfilmung Sir Arthur Conan Doyles eigenwilliger Detektiv von der Bakerstreet 221b.