Gesellschaft | 07.12.2009

Wenn die Nacht zur Nacht wird

Text von Luzia Tschirky
Wir machen es viele hundert Male. Es ist so selbstverständlich für uns. "Klick" - und schon brennt die Lampe an der Zimmerdecke. Im Winter brennen die Lichter schon am späten Nachmittag aus den Fenstern. Wie es wohl ist ganz ohne Licht, ganz ohne Elektrizität? Tink.ch hat den Selbstversuch gestartet.
So sah die Nacht einmal aus. Dann kam die Glühbirne.

Es ist Sonntagabend in Zürich, es regnet kalten Dezemberregen auf den Asphalt und mein Gesicht. Die Strassenlaterne leuchtet kaltes Licht auf die nassdunkle Strasse. Für mich die letzte Portion an Photonen für diesen Tag.

Ein Abend im Dunkeln

Zu Hause angekommen, greift meine Hand ganz automatisch nach links, zu diesem kleinen, quadratischen Knopf. Stopp! Heute Abend ist der Abend ohne elektrisches Licht. Ich ziehe meine Hand zurück und warte einige Zeit bis sich meine lichtverwöhnten Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Zwei Streichhölzer und einen angesengten Finger später sitze ich am Küchentisch und überlege mir, was ich den ganzen Abend bloss tun soll. Die Zeit scheint plötzlich viel langsamer zu vergehen und ausser ein Buch zur Hand zu nehmen fällt mir nichts ein. – Was für Bücher liest man zu Kerzenlicht? Irgendwie erscheint mir Goethe oder sonst irgendein Klassiker passend zum schattenwerfenden Kerzenlicht. Die Anziehungskraft all dieser kleiner Schalter in der Wohnung ist riesig. Sie scheinen mich zu verfolgen, noch nie war mir ihre Zahl so bewusst wie jetzt. Im Wohnzimmer lauert die Fernbedienung zusammen mit der Stereoanlage. In der Küche steht die Kaffemaschine und weitaus am verlockendsten lächelt die „Power“ Taste des Computers. Wir haben uns die Welt so eingerichtet, dass die Nacht zum Tag wird. Zumindest in den Industrieländern.

Erleuchtete Zivilisation

Wer kennt diese Karten nicht, die die Welt bei Nacht zeigen? Ganz Europa und Nordamerika scheinen mit dem Mond um die Wette zu leuchten. Meine Fenster senden an diesem Abend keine Grüsse ins All, sondern bleiben dunkel wie vor der Zeit von Edisons Erfindung. Mit der brennenden Kerze in der einen Hand und dem Buch in der anderen streife ich durch die Wohnung. Die Kerze tropft brav meine Spuren auf den Boden und ich freue mich aufs Putzen bei Tageslicht. Es ist nicht zu glauben, wie abhängig wir von geladenen 60-Volt-Kugeln sind. Das Bücherlesen bei Kerzenschein ist äusserst anstrengend und irgendwie blicke ich alle zwei Minuten von den Seiten hoch, weil es um mich herum so komisch dunkel ist.

Schlussendlich schreibe ich einen Brief an eine Freundin, den ich schon vor Monaten schreiben wollte. Irgendwie scheint die Zeit um hundert Jahre zurückgedreht und würde die Strassenlaterne von vorhin nicht so penetrant durch die geschlossenen Läden blinzeln- ich müsste wohl raus auf die Strasse um mich des 21. Jahrhunderts zu versichern. Während die meisten Leute sich nicht bewusst sind, dass ihre Urgrossmütter nebst dem Nachthemd eine Kerze zu Bette getragen haben, beginnt mein Kopf ganz von alleine über philosophisches Licht und Dunkel nachzudenken. Licht im Dunkeln, ein Zeichen von Zivilisation, von Fortschritt, von der Überlegenheit des Menschen über die Natur. Für mich ist in diesem Moment klar, dass die Menschen sich etwas vormachen, wenn sie glauben, unabhängiger zu sein mit Strom als ohne.

Leben mit weniger Licht

Wir haben vielleicht mehr Möglichkeiten, aber wie wenig es braucht, bis wir ohne Strom dastehen, muss wohl nicht gesagt werden. Obwohl der Zeiger der Uhr erst auf zehn Uhr zeigt, sind es gefühlte zwei Uhr morgens und ich entscheide mich fürs Zähne putzen mit meiner treuen Begleiterin, der Kerze. Vielleicht werden wir bei einem sinnvolleren Umgang mit Licht nicht nur nachdenklicher, sondern wir lernen vielleicht auch wieder, besser auf unsere innere Uhr zu hören. Als mich am Montagmorgen der Handywecker zurück in die Zivilisation holt, bin ich fit wie selten zu Wochenbeginn.