Gesellschaft | 06.12.2009

Was Hänschen seinen Grosseltern lehrt

Text von Edona Murati
Letztens fand in den Gemäuern der Uni Bern eine Vorlesung für Jung und Alt statt. Organisiert wurde "Was Hänschen seinen Grosseltern lehrt und umgekehrt" von der Senioren- und Kinderuni. Eine Professorin und eine Clownin räumten mit Vorurteilen aus Gesellschaft und Psychologie auf.
Céline (10) und ihre Grossmutter. Happigen Universitätsstoff kindkonform machen: Clownin Frau Has. Pasqualina Perrig-Chiello möchte einen offenen Dialog ohne Stereotypen. Fabian (11) und sein Grossvater.

Eine schwierige Aufgabe stellte sich die Professorin Pasqualina Perrig-Chiello, die sich Lehr-und Forschungsschwerpunkten wie „intergenerationelle Beziehungen“ oder „Entwicklungspsychologie der Lebensspanne“ widmet, als sie der Lehrveranstaltung „Was Hänschen seinen Grosseltern lehrt und umgekehrt“ ihre Zusage erteilte. Sie sollte happigen Universitätsstoff kindkonform machen. Gelungen ist ihr zusammen mit Frau Was, einer neugierigen Clownin, eine Lesung die nicht nur motivierend, sondern auch zeitkritisch ist.

Der Standpunkt der Dozentin ist klar: Einerseits will sie den Kindern vermitteln, dass Wissen Macht ist und dass ohne Lernen kein Wissen erreicht werden kann. Andererseits versucht sie, den Seniorinnen und Senioren im Saal mit übersichtlichen Grafiken mitzuteilen, dass Lernen auch im hohen Alter noch möglich ist.  

Wie funktioniert Lernen?

Es gibt anscheinend einen altersbedingten Unterschied im Lernen. Perrig erklärt ihn so: Will Hänschen etwas lernen, so muss er die Information zuerst wahrnehmen. Dann muss er sich entscheiden, ob diese Information für ihn wichtig ist oder nicht. Wenn Ja, wandert sie ins Kurzzeitgedächtnis. Ziel ist es, die Information im Langzeitgedächtnis abzuspeichern. Daher muss Hänschen den Stoff repetieren, so wie wir dies mit Franzvokabeln tun. Wichtig ist hierbei, dass Kinder und Jugendliche über fluides Wissen verfügen, das heisst sie können alles lernen. Je älter man aber wird, umso mehr nimmt das fluide Wissen ab, gleichzeitig steigt das kristalline Wissen an: es kann nur noch das gelernt werden, was auf bestehendem Wissen aufbaut.  

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans trotzdem

Perrig zeigt: Diese Aussage entpuppt sich als falsch, wissen wir doch heute, dass Lernen ein lebenslanger Prozess ist. Die neuronalen Verbindungsmuster werden das ganze Leben über geformt. Wichtig sei dabei, betont die Dozentin, dass die kindliche Neugier aufrecht gehalten, der Wille und der Glaube an sich gestärkt und viel Austausch miteinander geführt werde. Auch spielten Ernährung und körperliche Fitness eine wichtige Rolle. Allein schon ein Spaziergang fördere den Sauerstofftransport, der essenziell für das Gehirn ist. Frau Was verdeutlicht dies humorvoll mit fortwährendem Gähnen, das bekanntlich den Sauerstoffaustausch ankurbelt. Das Sprichwort „Wer rastet, der rostet“ hat hierbei kein bisschen an Gültigkeit verloren.  

Miteinander statt gegeneinander

Während der Vorlesung fällt wiederholt das Wort Stereotyp. Im Gespräch nimmt Perrig Stellung dazu. „Was sind Stereotypen überhaupt? Und wie kommen diese zustande?“, fragt sie zunächst und antwortet gleich selber: „Die alten Menschen werden als senil, langsam, einsam, depressiv starr und reklamierend dargestellt und die jungen als egozentrisch, aggressiv, respektlos, faul und genussüchtig. Die Realität aber zeigt die jungen Menschen als schnell, neugierig, fordernd und offen, während die alten in der Realität weise, ausdauernd, voller Lebenserfahrung, weitsichtig und gelassen sind. Stereotypen sind also kulturell bedingte, nicht hinterfragte, festgefahrene Meinungen einer Gruppe über Eigenschaften und Besonderheiten einer anderen. Stereotypen sind häufig in Hierarchien anzutreffen und werden zum Aufbau von Feindbildern oder Abwerten von Rollen eingesetzt, wie das Beispiel oben zeigt.“

Bildung, Arbeit, Freizeit verknüpfen

Perrig setzt sich vermehrt für einen offenen Dialog ohne Vorurteile und für konkrete Ziele ein. So unterstützt sie Erzählcafés, in denen sich Jung auf Alt austauscht sowie das intergenerative Lernen: „Immerhin sind junge Menschen die besten Lehrer, was Computer und moderne Technologien betrifft und umgekehrt sind Betagte die besten Schüler“. Weiter setzt sie sich für intergenerationelle Hilfeleistungen wie Wahlgrosseltern, Aufgabenhilfe, Einkäufe für Betagte, Mittagstische und Betreuung ein. Um dem Gegeneinander Einhalt zu gebieten sei es von absoluter Relevanz, so Perrig, von der Dreiteiligkeit „Bildung, Arbeit, Freizeit“ wegzukommen und diese drei wichtigen Aspekte im Leben miteinander zu verknüpfen.  

Vielschichtige Vorlesung

Die zehnjährige Céline und der elfjährige Fabian empfanden die Vorlesung als gut, wobei sie die kleinen Pausen, in denen Frau Was, die Clownin, zu Wort und Tat schritt, am besten verstanden. Die Grosseltern ergänzen: „Es war ein harmonisches Zusammenspiel und der komplexe Inhalt wurde kindgerecht demonstriert“. Die Vorlesung habe nicht nur Fragen geklärt, sondern auch die kritische Stimme geweckt. Das Alter sei ungewiss für die Jugendlichen, Ängste prägten die Gedanken an die Zukunft. Sie sagen: „Bildung ist und wird immer mehr der einzige Weg raus aus der unsicheren finanziellen Situation, denn die Sicherheit seitens der Politik fehlt. Politik und Wirtschaft biedern sich den Jugendlichen an, was nicht der alternden Gesellschaft entspricht und somit einen wesentlichen Beitrag zur Wahrnehmungsverzerrung untereinander leistet.“ Ein Gedanke fürs Langzeitgedächtnis?