Kultur | 14.12.2009

Vom grellen Stadionlicht in die Düsterkeit

Text von Tatjana Rüegsegger | Bilder von PD
Das neue Editors-Album "In This Light And On This Evening" ist die Perfektionierung eines Musikstils, an dem viele der heutigen Bands zu ertrinken drohen.
Tom Smiths Stimme passt zur düsteren Asthetik der Band.
Bild: PD

Mit „In This Light And On This Evening“ schlagen Editors den Weg ein, den vor ihnen viele Bands aus der jüngsten Musikära eingegangen sind: den „Elektro“-Weg. Als ihr zweites Album „An End Has A Start“ veröffentlicht wurde, überhäufte die Presse die Jungs aus Birmingham mit negativer Kritik, ohne dass jemals einer darauf hinwies, wie anders die Band war, im Gegensatz zu all den auftauchenden „Indie-Bands“.

Tom Smith’s kraftvolle tiefe Stimme, kombiniert mit betörenden Gitarrenhymnen, beförderten sie schnell in den Status einer Stadiumband. Sie wurden danach sogar mit R.E.M. verglichen. Doch was unbeachtet blieb, war dieses Paradoxe in ihrer Musik, dieses seelisch verzerrte Wesen, das aus der Dunkelheit flieht, oder es zumindest versucht. Mit jedem Mord, welcher ein talentierter Täter begeht, verbessert er seine Kunst zu töten. Wie schlimm die Tat selbst ist, hat hier keinen Platz. Er ändert Taktiken, minimalisiert jeden Schritt um schneller und präziser zum Ziel zu kommen. Ähnlich sieht es mit dem dritten Studioalbum der Band aus. Die musikalische Umsetzung wurde minimalisiert, der Text dafür so gezielt eingesetzt, dass die Wirkung um ein dreifaches einschlägt.

Joy Division, Depeche Mode und Kraftwerk

Weg sind die Hymnen, es lebe die kühle Spannung. Wobei auf „An End Has A Start“ der offene Himmel zu spüren war, verführt einem „In This Light And On This Evening“ – entgegen dem was der Titel uns zu sagen scheint – eher in einen dunkeln Goth-Club als in das Licht. Und wie schön die erste Single des Albums „Papillon“ zur ganzen Inszenierung passt: Man fühlt sich angezogen wie der Nachtfalter dem heissen, elektrischen Licht, das ihn töten könnte. Der Charakterwandel verleiht der Band einen makabren Touch, und damit eine Anziehungskraft, die den Nachtfalter zum Licht lockt. Drei Minuten dauert das elektronische Intro, mit einer nicht wieder erkennbaren Stimme, die mehr an Ian Curtis (Joy Division) erinnert als an Tom Smith. „I swear to God, I heard the Earth inhale, moments before it spat its rain down on me.“ Denselben Satz wiederholt er drei Minuten lang. Unheimlich, bis ein elektronisches Feuerwerk ausbricht. Zurück zur Depeche-Mode-Ära, zurück zu Kraftwerk und zurück zu gewagtem Minimal und gleichzeitig einen Schritt weiter zum Olymp der Musikgeschichte. Was die Musik trotz den musikalischen Verweisen Editors-typisch erscheinen lässt, ist dieser Knall, der doch immer dabei sein muss, um ein Lied zu vervollständigen. Dazu kommen die Texte, welche der Düsterkeit den maximalen Raum bieten: „Darling, just don’t put down your guns yet, if there really was a God here, he’d have raised a hand by now“.

Rohes Fleisch

So richtig blutig wird es mit einem massiven Beat und dem Song „Eat Raw Meat = Blood Drool“, der einen im Zusammenspiel mit Toms Stimme und dem gleichmässigen Puls hypnotisiert: „Don’t wait for the sun, your, your story’s been spun. These boys, they just wanna have fun. Your, your damage is done, is done.“ Vielleicht ist es auch wegen ihrer Begabung, mit Blut und Paradox zu arbeiten, dass ein weiterer Song „No Sound But The Wind“ es auf den Soundtrack des Kinohits „New Moon“ geschafft hat. Wie gut das dem Image der Band tut, werden wir ja noch sehen.

Die Editors gehen mit ihrem Album tatsächlich einen Schritt zurück, musikalisch gesprochen. Minimal ist die Kunst etwas mit minimalen Mitteln und Einsätzen zu wahrer Grösse zu bringen. Die Editors haben für sich erkannt: Weg vom Stadionsound – weniger ist mehr.

Verlosung und Livebericht


Tink.ch verlost zweimal das neue Editors Album "In This Light And On This Evening". Zur Teilnahme eine Mail mit Name und Adresse an: martin.sturzenegger@tink.ch

 

Am 5.Dezember spielten die Briten im Zürcher X-Tra. Und sie überzeugten. Den starken Unterschied zwischen den neuen und alten Songs bemerkt auch das Publikum: "Munich" und "Smokers Outside the Hospital Room" werden mit lautem Geschrei und Jubel willkommen geheissen, neue Songs wie "Like Treasure" oder "Walk the Fleet Road" werden zunächst mit Zurückhaltung gehört, bevor sie später mit voller Wucht einschlagen. Toms Performance und Energie scheint durch diese Lieder verstärkt zu sein, was das Publikum endgültig erobert.

 

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