Gesellschaft | 07.12.2009

Reise der falschen Hoffnung

Text von Luzia Tschirky
Täglich werden Frauen illegal in die Schweiz geholt, um Zwangsarbeit zu verrichten. Das "Makasi" in Zürich ist die einzige Fachstelle in der Schweiz, die sich um die Opfer des Frauenhandels kümmert.
2008 demonstrierten in Bern Maskierte für mehr Recht und Schutz für Frauen. Fotos: PD Die Reise in die Schweiz endet oft zwangsläufig in der Prostitution.

Zurzeit läuft eine internationale Kampagne unter dem Titel: „16 Tage gegen Gewalt gegen Frauen“. Auf der ganzen Welt finden Aktionen statt, um auf Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. Eine Form von Gewalt an Frauen ist der Frauenhandel. Jeden Tag werden vier bis acht Frauen auf illegale Weise in die Schweiz geholt. Das ist keine verlässliche Zahl, sondern eine Schätzung der Polizei – niemand weiss, wie viele Opfer es wirklich gibt.

Weg der Lüge

Die meisten Opfer des Frauenhandels geraten aus finanzieller Not in die Hände von Menschenhändlern. In ihrem Heimatland waren sie oftmals alleine verantwortlich für das Überleben der Familie. In Kontakt zu Menschenhändlern geraten sie über Verwandte oder Bekannte. Oftmals sind es Personen aus dem nächsten Umfeld der Frauen, die ihnen das Blaue vom Himmel versprechen. Diese Lügen glauben nicht nur sehr junge Frauen, sondern auch ältere Frauen schenken der bekannten Person volles Vertrauen. Menschenhändler sind in kleinen, losen Gruppen organisiert und nicht in Mafia ähnlichen Strukturen, wie viele sich das vorstellen.

Minderjährige Opfer wachsen oftmals unter schwierigen Bedingungen auf, viele erfahren bereits im Kindesalter Gewalt. Andere haben ein schlechtes Verhältnis zu ihren Eltern und wollen deswegen fort von zu Hause. Die Menschenhändler wissen um die schwierige Lebenslage der Frauen und nutzen diese aus. Je nachdem, woher die Frauen anreisen, kommen sie per Flugzeug oder über den Landweg. Nicht jede Frau gelangt illegal in die Schweiz. Die meisten reisen als Touristinnen ein, oder besitzen eine befristete Arbeitsbewilligung für 90 Tage. Andere heiraten einen Schweizer, oder einen Ausländer mit einer Aufenthaltsbewilligung, um dauerhaft in der Schweiz bleiben zu können.

Weg der Realität

Angekommen in der Schweiz, wird den Frauen schnell klar, dass sie belogen worden sind. Die Menschenhändler vermitteln sie an die Arbeitgeber, die sie zu einem schlechten, oder zu gar keinem Lohn zur Arbeit zwingen. Oftmals müssen die Frauen „Schulden“ bei den Menschenhändlern und ihren Arbeitgebern abarbeiten. „Vermittlungsgebühren“ und viel zu hohe Reisekosten werden von den Opfern verlangt. So arbeiten die Frauen in der ersten Zeit in die Taschen ihrer Ausbeuter. Frauen werden nicht nur zur Prostitution gehandelt, sondern auch als Haushalts- und Pflegehilfen, oder für die Arbeit in der Gastronomie. In einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht sprechen, dessen Gesetze sie nicht kennen, sind die Frauen den Tätern schutzlos ausgeliefert. Die Täter wissen um ihre Macht über die Frauen. Immer wieder wird ihnen eingetrichtert, sie könnten nichts an ihrer Situation ändern. Sie hätten keine Rechte, niemand würde ihnen zuhören oder gar helfen. Jenen Frauen, die durch eine Heirat in die Schweiz gekommen sind, wird mit der Scheidung gedroht. Viele Frauen leisten jahrelang Zwangsarbeit, bis sie aus der Spirale von Gewalt und Armut auszubrechen versuchen.

Weg aus dem Zwang

In der Schweiz gibt es nur eine Stelle, die sich speziell um Opfer von Frauenhandel kümmert. „Makasi“ ist ein Teil der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration, kurz FIZ, in Zürich. „Makasi« bedeutet „stark“. Die Frauen stärken, sie auf ihre Rechte hinweisen, sie unterstützen auf dem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben, das sind nur einige der Ziele des Makasi. Im letzten Jahr wurden 160 Frauen von der Teilstelle betreut. Den Kontakt zu Makasi haben die meisten über die Polizei aufgenommen. Vermuten die Beamten bei einer Kontrolle auf ein Opfer von Frauenhandel gestossen zu sein, informieren sie die Frauen über die Fachstelle. Andere Frauen werden über Bekannte auf „Makasi“ aufmerksam. Im letzten Jahr sind 14 Opfer von Frauenhandel und von Zwangsprostitution über ihre Freier auf „Makasi“ aufmerksam geworden. Die Frauen müssen einverstanden sein, vom „Makasi“ beraten und begleitet zu werden. Damit will man den Frauen eines ihrer wichtigsten Rechte zurückgeben: Das Recht auf Selbstbestimmung.

Weg mit Hürden

Sich gegen die Täter zu wehren, kann gefährlich werden. Nicht nur für die Opfer sondern auch für die Familien in den Heimatländern. Drohungen der Täter werden deswegen vom „Makasi“ sehr ernst genommen. Allzu oft wurden in der Vergangenheit Drohungen wahr gemacht. Und Familienangehörige in den Heimatländern wurden von den Menschenhändlern ermordet. „Makasi“ klärt die Frauen über die Rechtslage in der Schweiz auf und bespricht mit ihnen mögliche Wege. Entscheiden müssen die Frauen dann aber für sich selbst. Hält sich die Frau illegal in der Schweiz auf, hat sie 30 Tage Bedenkzeit, ob sie gegen die Täter aussagen möchte oder nicht. Entscheidet sie sich für eine Aussage, wird ihre Aufenthaltsbewilligung für die Dauer des Verfahrens verlängert. Möchte sie keine Aussagen machen, beispielsweise aus Angst oder weil sie einfach nicht mehr über das Erlebte sprechen möchte, muss sie nach der abgelaufenen Frist zurück in ihr Heimatland reisen. Viele der Opfer sind physisch als auch psychisch schwer gezeichnet von den Erfahrungen. Durch die Aussage vor der Polizei, dem Staatsanwaltschaft und dem Gericht werden verdrängte Erlebnisse wieder geweckt. Umso schlimmer ist es für die Opfer dann, wenn die Strafen gegen die Täter mild ausfallen. Auch hier engagiert sich das „Makasi“ für die Opfer von Frauenhandel. Für eine verbesserte Gesetzeslage für die Opfer von Frauenhandel in der Schweiz. Der Kampf gegen den Frauenhandel ist noch nicht zu Ende, wenn am nächsten Mittwoch die Kampagne „16 Tage gegen Gewalt gegen Frauen“ zu Ende geht.

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