Kultur | 06.12.2009

Kraft des Märchens verkannt

Text von Céline Graf | Bilder von Annette Boutellier
Die Urform des Geschichtenerzählens ist das Märchen. In "Die verzauberten Brüder" von 1953 erzählt Jewgeni Schwarz die Geschichte einer Mutter, die ihre Söhne mithilfe von Tieren aus den Fängen einer bösen Hexe rettet. Rosmarie Vogtenhubers Weihnachtsmärchen am Stadttheater Bern birgt nebst ein paar sympathischen Helden vor allem (zu) viele platte Spässe.
Gemeinsam kämpfen die Tiere und Wassilissa (Sabine Martin) gegen die launische Hexe (Heiner Take).
Bild: Annette Boutellier

Zwischen mächtigen Baumstämmen zittern zwei Ahornbäumchen, leise rieselt der Tau ihre Zweige hinab. „Fjodor! Igor!“, trägt der Wind eine Stimme herbei. Es ist Wassilissa (Sabine Martin), die Fleissige, die nach ihren Söhnen ruft. Sie weiss nicht, dass die tyrannische Hexe Babajaga (Heiner Take) sie in Ahornbäumchen verwandelt hat. Drei Aufgaben muss die Mutter lösen, um ihre Söhne zu befreien, drei Tiere und der dritte Sohn helfen ihr dabei.

Rosmarie Vogtenhuber hat das russische Märchenstück „Die verzauberten Brüder“ von Jewgeni Schwarz klassisch inszeniert. Die Fabel erzählt von Mut, Ausdauer und Freundschaft, wogegen selbst noch so mächtige Zauberei nicht ankommt. Marie Vogtenhubers Inszenierung am Stadttheater hinterlässt Fragen anstatt zu verzaubern.

Was soll dieses Kasperletheater?

Die Hexe pirscht sich feixend an Wassilissa an, die Kinder wollen sie warnen und rufen: „Vorsicht!“. Dann klappst Wassilissa dem Bären (Gunther Kaindl) abermals auf den Hintern. Offensichtlich setzt die Regisseurin mit solchem Kasperletheater auf Unterhaltung. Amüsieren ist das Ziel zahlreicher Spässe, wenn Feuerwerk knallt oder wenn Babajaga als hysterische Diva auf Stöckelschuhen durch das Gehölz stakst.

Heiner Take könnte seiner Rolle als Hexe noch mehr abgewinnen, dürfte der Stimmakrobat nur öfter unheimliche Nuancen setzen. Als spektakulär erweist sich nur das Hexenhaus, das auf Hühnerbeinen über das Laub trippelt.  

Wo ist der Schnee?

Ein russisches Weihnachtsmärchen ohne Schnee? Keine zuckerig-klirrende Winterlandschaft hat Christoph Wagenknecht kreiert, sondern einen herbstlichen Laubwald. Der rot-gelb-grünen Blätterpracht ist die sorgfältige Arbeit anzusehen. Die Trachten von Wassilissa und ihren Söhnen spiegeln sich darin. Sobald die Figuren slavische Volkslieder schmettern (Musik: Michael Frei), wärmt es auf einmal von der Bühne her, da strahlen sie plötzlich in ihren bunten Trachten.

Wiederum kalt wird es, als die Tiere für Babajaga ein Türschloss zimmern wie Maschinen, ein Zahnrad im anderen. Denn nicht zufällig hat Jewgeni Schwarz „Die verzauberten Brüder“ im Jahr 1953 verfasst. Kritik am absolustistischen System der damaligen Sowjetunion üben die Tierfiguren an Schwarz‘ Stelle. Durch sie konnte der Autor unzensuriert schreiben, was er dachte. Die fein ironischen Dialoge und die Charakterzüge der Figuren bestechen deshalb in dieser Fabel besonders.

Wo bleib der wahre Held?

Zauberhafte Momente schafft vor allem einer: Andri Schenardi als Möchtegernheld Iwanuschka. Einmal tanzt er wie Peter Pan der Hexe auf der Hakennase herum, ein ander Mal verkündet er: „Ich habe gelebt und gelebt, auf einmal fällt mir auf: Nachts habe ich keine Angst, bei Tage auch nicht. Also war mir klar, ich bin ein Held.“

 Der wahre Held der Geschichte ist der aristokratische Kater Kotofej Murlewitsch (Jonathan Loosli). Des Autor Alter Ego verteidigt überzeugt die Wirkung des Märchenerzählens. Märchen seien das Einzige, was in aussichtslosen Lagen übrig bleibe, sagt er. Bär Mischka entgegnet: „Märchen helfen überhaupt nicht“. Aber Kotofej weiss: „Wer so redet, versteht nichts von Märchen“.

Was ist mit dem Märchen?

Wie Mischka verkennt Regisseurin Rosmarie Vogtenhuber die Kraft des Märchens oder eben der Fabel. Selten sind Tierfiguren so sympathisch wie in „Die verzauberten Brüder“. Da gibt es den fidelen Hund (Nina Kohler), den gutmütigen Bären und den stoischen Kater. Bei Vogtenhuber dürfen sie sich aber nur von Wassilissa kraulen lassen und ein wenig miteinander zanken, dann sind sie wieder harmonisch vereint und kämpfen gemeinsam gegen das Böse.  

Das Gute siege nie über das Böse, hämt Babajaga. Darauf kontert Wassilissa: „Woher willst du wissen, wie stark das Gute ist?“

Die umsorgende Mutter fühlt es wahrscheinlich. Wir wissen: Keine andere Erzählform hat sich so viele Jahre bewährt wie das klassische Märchen. Und genau dieser Kraft des Märchenerzählens hätte die Regisseurin ruhig mehr vertrauen dürfen.  

Infos zum Stück


"Die verzauberten Brüder" läuft noch bis im Februar 2009 am Stadttheater Bern. Die genauen Spieldaten findest du im Leporello Kalender.