Politik | 08.12.2009

„Ihr dürft alle etwas sagen“

Text von Luzia Tschirky
Dass am Sonntag im Plenum jeweils ein gutes Dutzend Statements, Petitionen und Projektideen vorgestellt werden können, ist nicht nur den Teilnehmenden zu verdanken. Es braucht auch jene, die sie bei der Lösungsfindung unterstützen. Tink.ch sprach mit zwei Diskussionsleitenden über ihre Herausforderungen.
Sabine Gossweiler... ... und Lukas Frommenwiler sorgen dafür, dass die Gespräche ins Rollen kommen. Fotos: Matthias Rüby

Lukas Frommenwiler und Sabine Gossweiler, ihr beide seid an der Jugendsession Gruppenleitende. Was sind Schwierigkeiten eurer Arbeit?

Sabine: Die grosse Herausforderung ist, die Gruppe auf Kurs zu halten, und wenn mal der Faden verloren geht, die Diskussion wieder auf den Punkt zu bringen.

Lukas: Es ist immer schwierig, abzuschätzen, in welche Richtung eine Diskussion geht. Manchmal ist es nützlich für die Jugendlichen, das Feld ein bisschen weiter aufzutun, um Backgroundinfos zu bekommen, manchmal schweift man dann zu stark vom Thema ab. Auf der einen Seite darf ich das Ziel nicht aus den Augen verlieren. Andererseits möchte ich dafür sorgen, dass sie auch über anderes als ihr Thema sprechen können.

Was sind denn die guten Momente für euch in den Gruppen?

Sabine: Wenn man merkt, dass alle Teilnehmenden voll dabei sind und sich in die Diskussion hineingeben.

Lukas: Wenn die Diskussion mit einem Lächeln endet, dann bin ich sehr zufrieden.

Was motiviert euch, an der Jugendsession als Gruppenleiter mitzuarbeiten?

Lukas: Mich hat es vor vier Jahren gepackt. Es ist etwas Spezielles, einmal im Jahr mit Leuten, die nicht viel jünger sind als man selbst, zusammenzuarbeiten, Themen zu behandeln, die sonst nicht so diskutiert werden.

Sabine: Für mich ist es das erste Jahr als Leiterin. Schon als Teilnehmerin an früheren Sessionen hatte ich mir überlegt, einmal als Diskussionsleiterin mitzumachen.

Wie brecht ihr zu Beginn der Diskussionen das Eis?

Lukas: Es gibt grosse Unterschiede unter den Teilnehmenden. Es hat solche, die kommen in Hemd und Krawatte vom Vater und erwarten, dass die Post abgeht. Zu Beginn sage ich immer. „Ihr seid hier nicht irgendwo, wo ihr Angst haben müsstet, niedergetrampelt zu werden. Ihr dürft alle etwas sagen“. Für mich gilt Fairplay. Wenn ich merke, dass jemand kaum etwas sagt, spreche ich diese Person an und frage nach, ob sie nicht auch noch etwas sagen möchte.

Ist es schwierig, die Teilnehmenden auf ein gleiches Niveau zu bringen?

Lukas: Ja, denn es gibt solche, die schon in Jungparteien sind, in einem Vorstand mitarbeiten oder Standaktionen durchführen, das Ganze also schon ein wenig kennen. Und es gibt solche, die zum ersten Mal hier sind. Ich habe auch schon Leute in der Diskussion gehabt, die gesagt haben, sie hörten am liebsten den anderen ein wenig zu, anstatt selbst etwas zu sagen. Was sind eure Erfahrungen während den Diskussionen? Kommt es ab und zu auch zu Streitgesprächen zwischen den Teilnehmenden?

Sabine: Ich finde es sehr schwierig, wenn sich die Diskussion zu einem Dialog entwickelt. Wenn es nur noch ein Hin und Her ist und andere Personen gar nichts mehr sagen können, dann kommt es schon mal zu Anfeindungen.

Lukas, wie reagierst du in Situationen wie Sabine sie gerade beschrieben hat?

Lukas: So richtig dramatisch ist es bei mir noch nicht geworden. Wenn es soweit käme, würde ich aufstehen und sagen: „Hey, Timeout. Hier hören wir auf“, oder „jetzt bringt jeder noch ein Schlusswort“. Man muss menschlich auf solche Situationen reagieren, ein Rezept habe ich nicht. Sind die Ideen der Jugendlichen eher realistisch oder idealistisch?

Sabine: Es ist ein Gemisch aus utopischen aber auch umsetzbaren, realistischen Ideen. Wie bringt man eine Gruppe schliesslich zu einem Output? Wie kann man so viele unterschiedliche Leute von einer Idee überzeugen?

Lukas: Man spürt zu Beginn ein wenig, was die Meinungen der Leute sind, über was sie gerne diskutieren würden. Plötzlich fokussiert sich die Gruppe auf etwas. Als Gruppenleiter bin ich dann darum bemüht, mit Fragen die Sache voranzutreiben und wichtige Aspekte festzuhalten. Wie die Vierzehn- oder Fünfzehnjährige letztlich ihre Texte verfassen, erstaunt mich immer wieder und ich muss dann manchmal sagen: „Hey ihr müsst nicht wie Vierzigjährige tönen.“