Gesellschaft | 06.12.2009

Ein Leben über dem Röstigraben

Text von Eva Hirschi | Bilder von Eva Hirschi
Auf den Autoschildern sind die Unterschiede zwischen Bern und Genf geradezu verschwindend klein. Bis auf das B beziehungsweise das G sind die Abkürzungen gleich - selbst die Kantonswappen haben dieselben Farben. Eine Bernerin wohnt in Genf und entdeckt die Unterschiede der beiden schönsten Städte der Schweiz dann doch noch.
Die Ampelmännchen gleichen sich über den Röstigraben hinweg. Der Jet d'eau und laute Strassen: beides Wahrzeichen von Genf. Welsche Schilder sind freundlicher als Berner Tafeln. Der Hydrant in Genf ist bunter als die Berner Version.
Bild: Eva Hirschi

Was mir als überzeugte Fussgängerin an Genf als erstes auffällt, sind die Fussgängerampeln, nebst dem schnelleren und aggressiveren Verkehr. Links das rote, rechts das grüne Männchen, welches kurz vor dem Wechsel zu blinken beginnt. In Lausanne sind die Fussgängerampeln die gleichen wie in Bern, nichts mit Röstigraben aufgrund von Ampeln also. Ein anderes Indiz ist aber vielleicht der Wasserhydrant? In Bern neutral und oft schlicht in Grau gehalten, ist er am Lac Léman auffallend rot. Und krumm noch dazu.  

Die Genfer sind ein ausgelassenes, fröhliches Volk und meist hilfsbereit und geduldig mit Deutschschweizern, die schlecht Französisch sprechen. Das Klischee, Berner seien langsam, ist ihnen auch bekannt und wird nicht zuletzt durch das rasante Sprechtempo immer mal wieder bestätigt.  

„Ihr Chauffeur wünscht Ihnen einen schönen Tag“

Der Verkehr ist in Bern wesentlich angenehmer, viel ruhiger und freundlicher als in Genf. In Genf ist es durchaus normal, dass die Ambulanz, die Feuerwehr oder die Polizei mindestens drei Mal täglich durch die Strassen rasen. Die meisten Menschen schauen nicht einmal mehr auf.  

Sehr praktisch sind hingegen die öffentlichen Verkehrsmittel. In den Genfer Bussen und Trams wird die nächste Station immer angezeigt – das gibt es in Bern normalerweise auch. Jedoch befindet sich darunter eine Anzeige, auf der Sätze vorbei flitzen wie „Passen Sie auf Ihre Wertsachen auf“ oder „Im Tram verlorene Gegenstände finden Sie auf dem Fundbüro wieder“, dann folgt eine Telefonnummer oder Internetadresse. Einmal wünschte mir auf diesem Weg sogar der Chauffeur einen schönen Tag.

In den neueren Trams befindet sich neben der Haltanzeige ein zweiter Bildschirm, auf dem Werbung läuft, oft in Form von Filmchen oder Animationen. Die Trams dienen auch grossflächig als Werbeträger, so fährt ein rot-weiss kariertes Tram mit gelben Gummienten durch Genf.

Wochenende ab Mittwoch

„Je südlicher, desto netter die Menschen“, lautet das Klischee. Auch in Genf bemerke ich das, auch wenn es nur leicht südlich von Bern liegt. Es ist aber immerhin zwei Grad wärmer. Selbst die Schilder muten freundlicher an. So entdecke ich eines, das sich dafür bedankt, dass man nachts auch an die schlafenden Personen denkt. In Bern titeln die Schilder: „Bitte Ruhe“. Anscheinend nehmen die Genfer das Leben viel lockerer als die Berner. Ein schönes Wochenende wünscht man sich bereits am Mittwochabend. Statt wie fast alle Schweizer Universitäten informiert die Uni Genf ihre Erstsemestrige erst am 14. September und nicht schon Tage oder Wochen vor dem offiziellen Start. Die Vorlesungen beginnen erst zwei Tage später als der Durchschnitt.  

Ich bin ein wenig verwundert über die scheinbare Abneigung der Genfer gegen Punkte. Zum Beispiel bei der Schreibweise der Multiplikation. Lernen wir in Bern, das Malzeichen durch einen Punkt darzustellen, setzen die Genfer ein x. Ebenso beim Datum haben sie etwas gegen die geläufigen Punkte nach Tag- und Monatszahl. In Genf folgen den Zahlen nämlich Schrägstriche.