Gesellschaft | 21.12.2009

Die wortwörtlich sibirische Kälte

Es liegt seit Monaten schon Schnee, auf dem Hauptplatz stehen Eisskulpturen und in den Bussen sind die Scheiben gefroren. In Sibirien ist der Winter eingekehrt.
Trotz Schnee und Eis will keine rechte Weihnachtsstimmung aufkommen.
Bild: Marina Häusermann

Die Zeit vergeht wie im Flug, rennt vorbei wie ein Schneehase, der im winterlichen Weiss eine feine Spur hinterlässt, die sich in unseren Gedanken zu Erinnerung formt. Es ist fast vier Monate her, seit ich nach Irkutsk gekommen bin. Die Stadt hat mit dem Wechsel der Jahreszeiten ihr Gesicht verändert, es liegt schon seit langem Schnee. Wie lange, daran kann ich mich nicht erinnern. Als es zum ersten Mal geschneit hat, haben wir ausländischen Studenten an Weihnachten gedacht. Mittlerweile haben wir uns an den weissen Anblick gewöhnt und Weihnachtsstimmung will trotz des Tannenbaums vor dem Einkaufszentrum, den Eisfiguren auf dem Square Kirova und den verschiedenen bunten Beleuchtungen nicht aufkommen.

Angenehm warm

Man kann sich an fast alles gewöhnen. Was mich dennoch immer wieder erstaunt, ist, dass man sich auch an die Kälte gewöhnt. Am letzten Samstag ging ich auf die Strasse, der Himmel war bedeckt und wie immer dampfte einem der Atem in Wolken vor dem Gesicht. Ich fand es angenehm warm, und als ich an einer dieser Anzeigen vorbeikam, auf denen neben der Uhrzeit auch die aktuelle Temperatur zu sehen war, bestätigte sich mein Gefühl. Minus zwanzig Grad. Noch vor einer Weile wäre mir nur schon beim Gedanken an minus zwanzig Grad kalt geworden. Aber nun, Mitte Dezember, liegen die Tagestemperaturen bereits zwischen -25° und -32°. Dabei gefriert einem das Haar von der Feuchtigkeit des Atems und das Gesicht fühlt sich an, als hätte einem der Zahnarzt ein Betäubungsmittel gespritzt.

Geduldige Spontaneität

Wer in Russland lebt, muss aber vor allem eines lernen: Geduld zu haben und mit viel Witz und Fantasie spontane und unerwartete Veränderungen hinnehmen. Wasser- und Stromausfälle kommen immer wieder vor, Treffen mit Freunden und auch andere Termine können von einem Moment auf den anderen geändert oder abgesagt werden. Aber auch daran kann man sich gewöhnen, es macht den Alltag leichter. Alles ist möglich, man braucht sich um scheinbar nichts zu sorgen. Natürlich kommt es vor, dass man sich über diese russische Mentalität aufregt. So wurde mir, nachdem ich eine Woche zuvor angerufen hatte und alles noch in Ordnung war, plötzlich gesagt, dass mein Schiff von Vladiwostok nach Japan doch nicht fahren werde, dabei hatte ich den ganzen Rest der Reise bereits geplant. Glücklicherweise konnte auch dieses kleine Problem in Kürze gelöst werden.

Harte Lebensbedingungen

Das Leben in Sibirien ist hart, vor allem im Winter. Viele der Irkutsker Holzhäuser haben kein fliessend Wasser und die Menschen müssen mit Kesseln zu den Wasserpumpen gehen, die überall in der Stadt zu finden sind. Das Wasser steht unter sehr hohem Druck, damit es der tiefen Temperaturen wegen nicht gleich gefriert. In den Unterführungen sitzen Bettler, die in der Kälte ausharren, um von den eilenden Passanten ein paar Rubel zu bekommen. Jeder Gang nach draussen ist bloss ein Hasten auf der Suche nach dem nächsten bisschen Wärme.

In den Bussen sind die Scheiben gefroren, und es kostet einige Mühe, sich zu orientieren und bei der richtigen Haltestelle auszusteigen. Der Angara-Stausee ist ebenfalls mit Eis bedeckt und man kann Schlittschuhlaufen gehen. In Sibirien ist der Winter eingekehrt. Meine Vermieterin hat zwei grosse Schüsseln Pilmeni gemacht, die jetzt in einem der drei Kühlschränke lagern, die unsere kleine Zweizimmerwohnung füllen. Darin stehen grosse Gläser mit Eingemachtem, als hätte sie Angst, nicht genug zu essen zu haben. Ich schätze, die Vorräte würden für einige Monate reichen.

Ich dagegen habe Mailänderli gebacken, ohne Waage und ohne Guetzli-Förmli. Wer in Russland lebt, muss erfinderisch sein. Sehr schön sehen sie zwar nicht aus, aber sie schmecken. Und es ist mir gelungen, doch ein bisschen Weihnachtsstimmung nach Irkutsk zu holen. Allein dafür hat es sich bereits gelohnt.

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