22.12.2009

Aus den Augen, aus dem Sinn

Afrika ist in unseren Augen mehr als ein Kontinent, wir sehen darin eine Mission. Doch selten behandeln wir die Staaten zwischen Kapstadt und Gibraltar als gleichberechtigte Partner.
Unser Afrikabild.
Bild: Sara Abubaker/stockvault.net

Eine Glasbox, drei Moderatoren, sechs Tage und sieben Millionen: „Jeder Rappen zählt“ war ein Erfolg und spielte mehr als nur ein paar Rappen ein. Mit diesem Geld können tausende Malarianetze beschafft werden, die viele vor der tödlichen Krankheit bewahren können. Auf Facebook wurden zahlreiche Gruppen gegründet, die für jedes Mitglied einen Rappen spenden wollten. Gegenseitiges Schulterklopfen. Für einmal zeigten sich die Schweizer von der spendablen Seite.

Fehlender politischer Wille

Für einmal. Denn sobald die Nächstenliebe der Festtage vorüber ist, kehrt Afrika wieder dorthin zurück, wo es sich schon die ganze Zeit über befunden hat: Tausende Kilometer in den Süden, weit weg von unserem Horizont. Gerade in diesem Jahr zeigten die Industriestaaten ihren Unwillen, verbindliche Ziele zur Armuts- und Hungerbekämpfung festzulegen. Der Welternährungsgipfel in Rom, welcher im November stattfand, endete ohne konkrete Resultate, dafür aber mit vielen schön klingenden Bekräftigungen, man wolle endlich etwas gegen den Hunger auf dieser Welt tun.

Die Klimakonferenz in Kopenhagen endete mit einem faulen Kompromiss, der die Staaten zu nichts verpflichtet. Die Leidtragenden dieses Unwillens sind die Länder, die es sich nicht leisten können, milliardenteure Schutzdämme gegen den steigenden Meeresspiegel zu errichten, deren Landwirtschaft am stärksten vom erwarteten Temperaturanstieg getroffen wird. Es sind vor allem die afrikanischen Staaten.

Das heisst nicht, dass die Aktion auf dem Bundesplatz nichts gebracht hat. Die Schweizerinnen und Schweizer wissen heute sicher besser über die Malaria und ihre Auswirkungen Bescheid als noch vor zwei Wochen. Trotzdem darf sich Entwicklungshilfe nicht nur auf die Weihnachtszeit beschränken. Doch dafür braucht es ein anderes Afrikabild in unserem Land.

Veraltetes Afrikabild

Viele sehen in unserem südlichen Nachbarkontinent noch immer eine Region, die von unserem Mitleid und unseren Almosen abhängig ist, die wir ihnen in gönnerhafter Manier zukommen lassen. Kaum jemand sieht in den afrikanischen Staaten gleichberechtigte Partner, deren Förderung die Weltwirtschaft stärkt und die politische Lage stabilisiert. Die Probleme mit Hunger, Armut und sozialer Zerrissenheit sind nicht zuletzt auf westlichem Mist gewachsen. Während der Kolonialherrschaft wurden dem Kontinent eine neue Religion, Monokulturen und – in den 60er Jahren – schliesslich auch willkürliche Grenzen aufgedrängt, welche die Entwicklung langfristig beeinflussten. Im Kalten Krieg verwandelten sich viele Länder in Schlachtfelder, als Ost und West ihre Günstlinge mit Waffen überfluteten: Angola, Moçambique und Somalia wurden so zugrunde gerichtet.

Wichtige Partner

Doch unsere Unterstützung sollte nicht auf Schuldgefühlen und Mitleid beruhen, sondern auf dem Willen, auch die Menschen in Afrika als gleichberechtigte Partner zu behandeln, was auch uns zugute kommt. Das fängt bei den Schutzzöllen für unsere Landwirtschaft an, die endlich gesenkt werden müssen. Entwicklungshilfe wird immer dort schwierig umzusetzen, wenn sie eigenen nationalen Interessen im Wege steht. Dennoch lohnt sie sich auch für die Schweiz. Sie fördert das Wirtschaftswachstum auf der Welt, sie eröffnet neue Märkte und sie verringert die Zahl der Asylsuchenden hierzulande. Und im besten Fall führt sie dazu, dass in einigen Jahren keine Moderatoren mehr in Glasboxen gesteckt werden müssen, um für Malarianetze zu sammeln.

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