Gesellschaft | 21.12.2009

Auf den Menschenverstand vertrauen

Stärkung des Christentums oder Verbannung der Religion aus dem Unterricht? Über den richtigen Umgang mit Religion in der Schule gehen die Meinungen auseinander. In der Diskussion gilt: Pragmatismus nützt den Kindern mehr als Ideologie.
Ist ein gebastelter Tannenbaum am Fenster zu viel der Religion im Schulzimmer?
Bild: Christoph Schütz / pixelio.de

Eine Kerze brennt auf dem Lehrerpult, die Fenster des Klassenzimmers sind mit gebastelten Sternen und Engeln dekoriert und die Klasse lauscht so konzentriert wie sonst nur selten der Stimme des Lehrers, welcher eine Weihnachtsgeschichte vorliest. Die Weihnachtszeit gehört für viele Kinder zur schönsten Zeit des Jahres.

In letzter Zeit gerieten aber religiöse Elemente im Unterricht in den Brennpunkt der Diskussion über den Glauben. Die Meinungen zum Thema könnten unterschiedlicher nicht sein: Die Juso fordert eine komplett religionsfreie Schule. Man diskutiert über Probleme in multikonfessionellen Schulklassen und konservative Kreise wünschen gar, das Christentum wieder zu stärken.

 

Mehr Religion in der Schule?

Konservative Christen wittern seit der Annahme des Bauverbots für Minarette Morgenluft. Sie stellen die Schweiz unter dem Label „christlich-abendländisch“ als Land dar, in dem das Christentum eine zentrale Rolle einnimmt. Diese Anschauung ignoriert nicht nur, dass die Landeskirchen an Bedeutung verlieren. Sie blendet auch den langen Kampf aus, welcher in Europa geführt werden musste, um der Kirche die Macht zu entreissen und moderne politische Systeme und Wissenschaft im heutigen Sinne zu ermöglichen. Es befremdet deshalb, dass der christliche Glaube gerade in der Schweiz gestärkt werden soll, wo mit wachsender Bildung die Kluft zwischen Wissenschaft und Glaube besonders deutlich hervortritt.

 

Oder weniger?

Die Religion ganz aus der Schule verbannen will dagegen die Juso. Auf den ersten Blick ein einleuchtender Ansatz: dadurch würde nicht zuletzt die Bevorzugung des Christentums vor anderen Religionen wegfallen. Man könnte so einem grossen Teil der Debatte um Diskriminierung ausweichen. Bei näherem Hinschauen zeigen sich aber viele Probleme: Wo liegt die Grenze zwischen Religionen und Parareligionen? Gilt das Religionsverbot auch für Elemente älterer nordischer Religionen, wie Zwerge, Elfen und Trolle? Konsequent alle Religionen aus dem Unterricht auszuschliessen, dürfte in der Praxis schwieriger sein als es sich die Juso vorstellt. Sie hat beim Begriff Religion offenbar nur gerade die Weltreligionen im Blick. Märchenbücher nach religiösen Inhalten zu durchforsten und auszusortieren käme einer regelrechten Zensur gleich.

 

Pragmatik statt Ideologie

Mit der Verbots-Kultur der vergangenen Jahre scheint sich die Haltung verbreitet zu haben, auch auf Religion könne mit simplen Verboten Einfluss genommen werden. Dass dies schwierig ist, lehrt uns die Geschichte – selbst in einem totalitären System wie in der Sowjetunion konnte der Glaube nicht langfristig zurückgedrängt werden.

 

Es ist also nicht wünschenswert, die Religion in der Schule zu stärken. Gleichzeitig ist es in der Praxis nicht umsetzbar, jegliche Religion aus der Schule zu verbannen. Da bleibt einem nach dem Scheitern der Ideologie nur noch eines: Pragmatismus – also Vertrauen auf den gesunden Menschenverstand statt wuchernde Vorschriften.

Dabei ist es aber wichtig, die Lehrerinnen und Lehrer nicht mit der Entscheidung über Religion im Unterricht alleine zu lassen und sie als Puffer zwischen verschiedenen religiösen und nicht-religiösen Ansprüchen aufzureiben. Es müssen in erster Linie nach Möglichkeiten gesucht werden, wie an Schulen das Verbindende zwischen den verschiedenen Standpunkten aufgezeigt werden kann. Denn dass Kinder Weihnachten sowieso auch in die Schule tragen, leuchtet ein. Schliesslich ist es ein Fest, das in grossen Teilen der Bevölkerung und in den Medien viel Raum einnimmt. Gerade zwischen Islam und Christentum sollte das eigentlich keine allzu grossen Schwierigkeiten bereiten: Engel sind im Koran und in der Bibel in etwa die selben Figuren, und Jesus ist auch für Muslime ein Prophet.

 

Gemeinsamkeiten suchen

Es geht nicht darum, eine Multikulti-Gesellschaft zu verherrlichen, in welcher sich alle bei der Hand nehmen und zusammen ein grosses Fest feiern. Tatsache ist aber: In unserer Gesellschaft gibt es verschiedene religiöse und nicht-religiöse Standpunkte. Menschen, welche verschiedene Ansichten vertreten, kommen zwangsläufig miteinander in Kontakt und müssen einen Weg finden, miteinander klarzukommen. Da hilft weder ein Minarettverbot noch eine absolute Trennung von Schule und Religion, wo Konflikte verdrängt werden anstatt sie zu diskutieren. Je früher Kinder lernen, Konflikte zu diskutieren, umso besser. Gerade ein Fest wie Weihnachten, welches fast die ganze Gesellschaft beschäftigt, kann als Einladung zur Begegnung und zur Suche nach Gemeinsamkeiten dienen, anstatt als Konfliktzone. Nicht zuletzt die Kinder selber hätten davon am meisten.