Gesellschaft | 15.12.2009

„Ainsi périssent les ennemis de la République!“

Nebst Keksen schmaust man in Genf derzeit auch Schokotöpfe. In der Nacht vom 11. auf den 12. Dezember 1602 wurden die Genfer von den Savoyern geweckt. Seit über 400 Jahren schläft in dieser Nacht niemand mehr. Stolz feiern die Stadtbewohner den erfolgreich abgewehrten Angriff.
Sogar die Kinder kennen die historischen Figuren des Umzugs beim Namen.
Bild: genevalunch.com Die Schlacht von Escalade (1602) aus der Vogelperspektive. de.academic.ru

Es geschah vor über 400 Jahren, als Herzog Charles-Emmanuel von Savoyen mit über 2000 Männern nach Genf marschierte, um die strategisch günstig gelegene Stadt am Lac Léman beim Einfluss der Rhone einzunehmen. Mit Leitern versuchten die Savoyarden die Stadtmauern zu erklettern (französisch: escalader), um anschliessend von innen die Stadttore öffnen zu können. Allerdings bemerkten die Genfer die nächtliche Gefahr rechtzeitig und griffen beherzt zu den Waffen, um die calvinistische Stadt zu verteidigen.

Essbare Töpfe zerbrechen

Den Erfolg erlangten sie nicht zuletzt – so besagt es die Legende – dank der Catherine Royaume, einer Genfer Familienfrau, die in besagter Nacht den heissen Inhalt eines grossen Suppenkessels über die Mauern hinab auf die Angreifer goss. Diese Marmite (deutsch: Kessel, Topf) trägt für das Fest deshalb eine wichtige Bedeutung. Einerseits wird an der Fête de l’Escalade in den Strassen der Altstadt daraus Suppe ausgeschenkt. Andererseits gehört es zur Tradition, dass in der Schule oder am Arbeitsplatz die jüngste und die älteste Person eine „Marmite de chocolat“ zerbrechen, ein mit Marzipanfrüchten gefüllter Schokoladentopf, und dabei den Spruch „Ainsi périssent les ennemis de la République!“ aufsagen.

Symbol ihres Unabhängigkeitswillens

Die Genfer sind stolz auf ihre verteidigte Unabhängigkeit. Die Fête de l’Escalade ist für sie das wichtigste Fest überhaupt. Am Freitag vorher finden für die jungen Menschen bereits Parties unter diesem Namen statt. Selbst auf dem Place des Canons wird getanzt. Am Samstag gibt es einen Umzug durch die Stadt. Menschen jeden Alters verkleiden sich, vornehmlich handelt es sich dabei um Familien mit Kleinkindern. Die Kinder gehen von Tür zu Tür und singen bekannte Escalade-Lieder. Zum Lohn erhalten sie etwas Taschengeld oder Süssigkeiten. Speziell für dieses Fest ist die Passage Monnetier geöffnet, ein enger Gang an der Stadtmauer, durch den die Genfer geflüchtet sind und sich so in Sicherheit brachten. Es ertönen sogar Siegesschüsse aus den alten Kanonen, um an diesen historischen Moment zu erinnern.

Grösster historischer Umzug Europas

Den Höhepunkt der Fête de l’Escalade bietet der Umzug am Sonntagnachmittag mit Reitern, Musketieren, Armbrustschützen, Fackelträgern, einem Henker und seinen Helfern sowie anderen historischen Figuren. Die traditionsverbundenen Genfer kennen praktisch jede dargestellte Person und ihre Geschichte, sogar die Kinder erkennen La Mère Royaume. Die alten Kanonen werden durch die Stadt gezogen, die Menschen tragen Kleidung von damals und die Musiker trommeln die Siegeslieder. Der Umzug endet mit der Verkündigung des Sieges über die Savoyer vor der Cathédrale de Saint-Pierre. Dort werden neben einem grossen Feuer Glühwein und Suppe aus der Marmite ausgeschenkt.