Kultur | 30.11.2009

„Wir alle urteilen nach dem ersten Blick“

Der neue Blues- und Pop-Hit aus England, Charlie Winston, hat jüngst sein erstes Album veröffentlicht. Tink.ch traf Charlie in Zürich und sprach mit ihm über Tod, Landstreicher und Äusserlichkeiten.
Charlie Winston beim Tink.ch-Interview.
Bild: Martin Sigrist Heinz Sollberger

Charlie Winston, in Frankreich längst ein Superstar, ist in der Schweiz weniger bekannt. Mit seinem erstes Album „Like a Hobo“ mischt er Pop mit Blues und R’n’B und singt sich auch in die Herzen der hiesigen Fans. Seine ausverkauften Konzerte vom November in der Schweiz und anderswo musste Charlie aus gesundheitlichen Gründen auf unbestimmte Zeit verschieben. Tink.ch konnte Charlie Winston davor in Zürich treffen.

Wie geht’s dir?

Charlie Winston: Mir geht’s sehr gut, es war ein gutes Jahr für mich. Ich kann mir Zeit nehmen für das, was ich tue, denn ich möchte alles richtig machen. Bis jetzt hat sich der Erfolg vor allem in einem Land abgespielt. Ich konnte damit lernen, wie’s läuft und mich auf das konzentrieren, was ich tue. Eine weltweite Veröffentlichung meines Albums wäre wohl sehr anstrengend und ungewiss geworden. Der Erfolg kann einen sehr vereinnahmen, doch das wäre nur ein kurzfristiger leerer Gewinn. Mich interessiert, was langfristig passiert.

Was hast du denn kurzfristig gelernt?

Hm, das Offensichtliche, die Aufmerksamkeit von vielen Leuten, viel Aufregung und dass dich Leute auf eine Art Säule stellen. Das ist zwar gut fürs Ego, aber du musst vorsichtig sein, denn es ist eine Illusion und kann dich an den falschen Ort hinlocken. Zum anderen kann ich mir aber dadurch erlauben, damit weiter zu machen, was ich am liebsten mache, nämlich Musik.

Was war die beste Erfahrung in dieser Zeit?

Das kann ich nicht wirklich sagen, denn ich habe ein furchtbares Gedächtnis, das ist gut und schlecht. Schlecht, weil ich deine Frage nicht beantworten kann, aber gut, weil ich damit nicht in der Vergangenheit lebe. Ich konzentriere mich auf die Gegenwart und die Zukunft. Ein tolles Erlebnis waren die ganzen Festivals im Sommer. Ich konnte in Frankreich vor 55’000 Menschen spielen und die Leute haben die Songs mitgesungen, davon habe ich Jahre geträumt.

In Frankreich bist du ein Superstar, hier in der Schweiz bist du weit weniger bekannt.

Ich mag es lieber kleiner, ich kann mir hier mehr Zeit nehmen, um eine Verbindung mit dem Publikum zu finden. Vor einem grossen Publikum muss man mehr Schichten anziehen, heller sein, um sie zu erreichen – symbolisch gesprochen.

Nun zu zwei Liedern aus deinem Album: zum einen „Kick the Bucket“, morbider Text zu fröhlicher Musik, zum anderen «My Life is a duck«, wo du deinen Vater als Ente bezeichnest. Worum geht’s da?

Das ist der Punkt, für mich ist „Kick the Bucket“ nicht morbid, darum habe ich den Song überhaupt geschrieben. Sobald man das Wort Tod erwähnt, denken alle, man sei morbid. Der einzige sichere Fakt im Leben ist, dass wir alle sterben. Für mich ist das nicht negativ, ich sehe das Leben nicht mit Anfang und Ende sondern als einen Kreis. Immer diese Angst vor dem Tod. Wenn wir den Planeten retten wollen, wollen wir doch eigentlich die Menschheit retten, das ist also sehr egozentrisch. Wenn du den Tod mal akzeptierst, dann kannst du auch das Leben bewusster wahrnehmen und dich darauf fokussieren, was wirklich wichtig ist. Der Song ist also nicht morbid sondern genau das Gegenteil, er soll so fröhlich klingen, um überhaupt aussagen zu können, was ich meine.

Und mit „My Life is a Duck“ spreche ich auf die Gegenpole in meiner Persönlichkeit an. Ich mag es auf der einen Seite, über Dinge nachzudenken und sie zu hinterfragen. Zum anderen bin ich aber auch gerne mal leichtsinnig. Ich akzeptiere beide Seiten in mir. So wie das hässliche Entlein, das eben auch die Gegenteile zusammen bringt, das Schöne und das Hässliche.

Dein Album heisst „Like a Hobo“, also wie ein Landstreicher. Nun sehe ich dich hier, ganz chic in deinen Klamotten.

Ich hab‘ das Album nicht so genannt, um zu sagen, dass ich ein Landstreicher bin, sondern eher als Gleichnis, eben wie ein Landstreicher. Obwohl man sich ein Bild davon macht, muss man sich nicht so anziehen. Ich fühle mich auch als Punk, ohne mich entsprechend zu kleiden. Wir alle urteilen nach dem ersten Blick. Das brauchen wir, um überhaupt etwas zu erkennen. Aber wir sollen dann auch mal merken, wie falsch wir liegen. Ich sehe den Landstreicher als Bild der Entstehungsgeschichte des Albums. Vor sieben Jahren habe ich die ersten Aufnahmen im Schlafzimmer eines Freundes gemacht. Dann habe ich die Songs im Studio wieder und wieder verändert und ergänzt. Die Songs sind also auf eine Art obdachlos und viel gereist. Man sollte den Landstreicher nicht zu wörtlich nehmen.

Wie haben dich diese vielen Reisen beeinflusst?

Ich habe viel in England, auch in London, gespielt und meinen Bruder auf seiner Tour unterstützt. Ich habe gesehen, wie mein Bruder durch die Maschine der Major Labels gegangen ist und dabei gelernt, was ich daran mag und was nicht. Ich wollte nicht ein Opfer der Maschinen sein, denn die nehmen dir viel Kraft. Klar haben auch die grossen Labels ihren Zweck, aber das wäre nichts für mich, denn ich tue Dinge gerne auf meine Art. Ich bin eher rebellisch, anarchistisch und gehe meinen eigenen Weg. In London haben die Fans von mir eine Art Illusion gehabt, weil ich an so vielen verschiedenen Orten in Europa gespielt habe. Sie dachten, dass ich nun erfolgreich sei. Die Dinge liefen nicht so gut für mich, doch vielleicht lief ich gut für die Dinge, denn damit hatte ich das Image von Erfolg. Damit sind wir wieder bei der äusseren Erscheinung. Zum anderen entspricht mir das Reisen mit dem Zug. Man reist eine gerade Linie, wer mitreisen möchte, kann zusteigen, aber man muss sich nicht anpassen, denn die Reise ist vorgegeben. Auch ich möchte gerne mein Leben so leben, wie ich es will, ohne mich anpassen zu müssen.

Dein Album ist bei Peter Gabriels Label Realworld erschienen, das klingt nach World Music.

World Music ist eine Sicht auf Realworld, doch ich denke, der Pop-Star Peter Gabriel wollte einfach die Möglichkeit, Musik, die weniger dem Mainstream entspricht, trotzdem zum Erfolg verhelfen. Ich kenne die Familie Gabriel, bin mit seiner Tochter befreundet und war bereits mit ihnen in den Ferien. Am Ende hat Peter sich meine Musik angehört und sie hat ihm gefallen. Es war nicht so, dass ich mich mit meiner CD aufgedrängt hätte, die Beziehung ist sehr organisch gewachsen.

Du hast deinen Vater mit auf Tour genommen.

Ja, er liebte es, es war eine schöne und entspannte Zeit. Er sah sich einfach an, was auf der Tour lief. Es war aber nicht immer einfach für ihn, denn auf einer Tour brauchst du eine Aufgabe, sonst wird’s schwierig. Der ganze Tag dreht sich darum, die Energie für das Konzert aufzubauen. Ohne eine Aufgabe oder eine Rolle dabei wird man schnell zu einer Art Ersatzteil. Mein Vater ist Künstler und ist sich das Leben auf Tour jedoch sehr gut gewohnt. Er hatte sich wie ein Kind gefreut und ich hatte teilweise das Gefühl, dass er auf Tour mein Sohn wäre.

Was begleitet dich sonst noch aus deiner Vergangenheit?

Theater war immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Es ist eine kreative und innovative Art. Man kann mit der eigenen Fantasie irgendwo hingehen. Das ist auch für Musik gut, diese Disziplin und Aufmerksamkeit. Der Regisseur verlangt etwas und du musst es rüberbringen. Das ist auch beim Musikschreiben ganz hilfreich. Diese Art lehrte mich, nicht zu heikel zu sein in dem, was ich tue. Man kann sich dabei immer wieder überraschen.

Info


Der neue Termin für Zürich ist nun bekannt: Mittwoch, 27. Januar 2010, Kaufleuten Zürich, 20.00 Uhr.

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