Kultur | 09.11.2009

Was heisst Gin Tonic in Gebärdensprache?

Text von André Müller | Bilder von Pascal Gähler
In St.Gallen fand diesen Samstag die dritte Visual Night für Gehörlose statt. Doch auch Hörende kamen nicht vergebens ins Palace: Es zeigte sich ihnen eine Kultur, die auch ohne Musik und Wortlaute sehr reichhaltig ist.
Rosana, ausdrucksstark. Andreas Juon, alias Gege. Miss Handicap Corinne Parrat erzählt von ihrer Wahl. Sarah Scheiber bewegt. Sich selbst und das Publikum. Applaus ohne Geklatsche.
Bild: Pascal Gähler

Ein komisches Gefühl. Das Kulturlokal Palace ist gut gefüllt, die Besucher unterhalten sich an der Bar und trotzdem höre ich kaum ein Geräusch. Die Leute stehen um mich herum und dennoch verstehe ich nicht, was sie sagen, obwohl ich einer der wenigen Hörenden im Raum bin.

Eigentlich ist es eher so, dass ich nichts verstehe, weil ich Hörender bin und die Gebärdensprache nicht lesen kann, in welcher sich die Gehörlosen an der dritten Visual Night in St.Gallen unterhalten. Einer solchen Isolation sind sie jedoch tagtäglich ausgesetzt: Fernsehen ohne Untertitel,  Konzerte oder Opernbesuche können einem Gehörlosen nicht dasselbe Vergnügen bieten wie den Hörenden. Damit sie dennoch Kultur hautnah miterleben können, dafür wurde die Visual Night ins Leben gerufen.

Vielseitiges Programm

An diesem Abend treten verschiedene Deaf Slammer auf, welche Poetry Slam in Gebärdensprache darbieten. Den Anfang macht Rosana, die sich an ihrem Freund rächt, der dauernd Ballerspiele zockt. Es folgt ein Interview mit Miss Handicap Corinne Parrat und Mister Gay International Ricco Müller, welche beide trotz Gehörlosigkeit grossen Erfolg haben. Ein Handicap muss also kein Stolperstein in der Karriere sein.

Slammer „Gege“ erklärt den Zuschauern daraufhin, wie es das gehörlose Spermium fertigbringt, alle anderen zu täuschen und sich selbst die Eizelle zu schnappen. Die Texte werden dabei laufend in die Hörsprache übersetzt, und dennoch finden wohl nicht alle künstlerischen Finessen ihren Weg durch die Übersetzung. Wie denn auch? Die Deaf Slammer setzen Mimik, Gestik und Gebärdensprache so gezielt ein, dass es schwierig wird, das eins zu eins zu vertonen.

Zwischen Implantat und Gebärdensprache

Schliesslich wird der kürzlich erschienene Dokumentarfilm „Verbotene Sprache“ gezeigt, welcher zum Nachdenken anregt über den Umgang unserer Gesellschaft mit Gehörlosen. Über lange Zeit drängten Politik und Medizin Gehörlose dazu, ein Cochlea (Innenohr) Implantat einpflanzen zu lassen. Gleichzeitig mussten gehörlose Kinder unsere Lautsprache erlernen, was für sie sehr schwer ist und sie auch im schulischen Bereich zu Nachzüglern macht. Die Gebärdensprache wurde lange Zeit nicht als Alternative angesehen und den Kindern sogar verboten, damit sie sich schneller an die Lautsprache gewöhnten.

Der Film zeigt dies am Beispiel von Rolf Lanicca, der heute ein bekannter Deaf Slammer ist. Erst durch die Gebärdensprache fand er den Zugang zu Kultur und einem tieferen Gedankenaustausch. Eine neue Welt tat sich ihm auf. Seine negativen Erfahrungen drückt er in provokativen Slams aus, die an die Grenze des guten Geschmacks vordringen: Was wäre, wenn die „Deaf Heil“ Bombe das Bundeshaus in die Luft jagte und allen Hörenden das Innenohr rausgepustet würde? Ob man solche Texte goutiert oder nicht, sie stimmen den Zuschauer auf jeden Fall nachdenklich.

Abgerundet wird der Abend erneut durch zwei Slam-Performances von Sarah und Rosana. Letztere berichtet von den Unannehmlichkeiten, welche Gehörlosen beim Speed Dating begegnen. Wie soll sie denn bitte schön Lippen lesen, wenn der Typ einen Bart hat?

Schwierige Kommunikation

Die Party klingt an der Bar aus, wie sich das für gute Parties gehört. Ich selbst weiss dabei nicht, ob ich lieber durch Gesten oder durch Worte ausdrücke, was ich will. Wie schwierig ist es, Lippen zu lesen? Sage ich vielleicht etwas Falsches, wenn ich durch unbeholfenes Gestikulieren erklären will, dass ich gerne noch einen Gin Tonic hätte? Auf dem Heimweg bleiben dennoch die positiven Erinnerungen im Kopf. Gehörlose sind von einem Grossteil unserer täglichen Kommunikation und Kultur ausgeschlossen, und dagegen kämpfen Anlässe wie die Visual Night an. Mit Erfolg, wie der heutige Abend bewiesen hat.