Politik | 23.11.2009

Universität Bern besetzt

Text von Christian Wyler | Bilder von Julia Weiss
Studenten besetzen die Aula der Universität Bern, um eine Plattform für längst überfällige Diskussionen zu schaffen. Sie fordern freie Bildung für alle, eine demokratische Universität, setzen sich gegen die Ökonomisierung der Bildung und gegen die Verschulung der Lehre ein.
"Die Uni brennt auch bei uns" - Frontansicht der besetzten Aula im Hauptgebäude der Universität Bern.
Bild: Julia Weiss

Der Geruch von Marihuana weht vom Raucherbalkon herein, zwischen den ehrwürdigen Stukkaturen prangen Plakate und unter der Tribüne werden Hängematten befestigt: Die Aula im Hauptgebäude der Universität Bern ist seit vergangenem Dienstag besetzt. Studenten haben sich im Anschluss an eine Demonstration zum International Students Day in den Saal begeben und sich dort häuslich eingerichtet, offenbar in der Absicht, eine ganze Weile zu bleiben.

 

Viel Idealismus – genügend Realitätssinn?

Freie Bildung für alle, eine demokratische Universität, gegen die Ökonomisierung der Bildung, gegen die Verschulung der Lehre – dies sind die vier Hauptforderungen der Besetzter. Wie genau das alles umgesetzt werden soll, darüber wird heftig debattiert. Durchaus auch kontrovers; längst sind sich nicht alle Studenten, die bei der Diskussion in der Aula anwesend sind, einig über Detailfragen. Zum Beispiel darüber, ob es klug ist, die Abschaffung der Studiengebühren zu fordern, um den Zugang zu universitärer Bildung zu gewährleisten. Hier trifft Pragmatismus auf Ideologie. Der Versuch, sich die Sympathie der Öffentlichkeit nicht unnötig zu verscherzen, steht gegen das Argument, Bildung sei halt eben keine Ware und folglich könne man auch nichts dafür verlangen.

 

Diskussion statt Konfrontation

Dieses chaotische Vorgehen, das Fehlen von konkreten Forderungen zum Zeitpunkt der Besetzung und die nun laufenden Diskussionen sind allerdings durchaus im Sinne der Beteiligten, wie ein Mediensprecher der Besetzer erklärt: „Es handelt sich bei dieser Besetzung nicht um einen klassischen Arbeitskampf mit Lohnforderungen oder dergleichen, mit deren Erfüllung dann alles erledigt ist. Es geht darum, eine Plattform zu bieten, eine Diskussion über das Bildungssystem an der Uni loszutreten, wie sie im vergangenen Jahrzehnt im Rahmen der Bolognareform längst hätte geführt werden sollen. Wir sind nicht explizit gegen die Uni-Leitung, wir wollen eine öffentliche Debatte, welche auch die Politik mit einschliesst.“

 

Dementsprechend stünde auch das weitere Vorgehen noch nicht fest: „Obwohl natürlich die Aktionen von Studenten in anderen Städten eine Rolle gespielt haben, ist diese Besetzung eine spontane Aktion, welche einem tiefsitzenden Unbehagen der Studenten gegenüber der Entwicklung in der Universitätspolitik entspringt. Wir sind unzufrieden. Es geht aber nicht darum, Bologna einfach absolut abzulehnen; wir sind hier, um gemeinsam nach Lösungen suchen.“ Somit wüssten die Studenten auch noch nicht, wie lange diese Besetzung dauern soll oder unter welchen Umständen sie aufgehoben wird.

 

Protest oder Happening?

Bei allem Ernst scheint man es doch auch gemütlich zu haben. Neben bildungstechnischen Fragen wird auch über die Party im Anschluss an die Diskussionsrunde gesprochen. Ganz allgemein scheinen sich die Besetzer in ihrer Rolle zu gefallen, und den Anwesenden ist ein gewisser Stolz anzumerken, etwas Derartiges durchzuführen. Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob wirklich Inhalte im Zentrum stehen oder doch eher die Lust, einmal Revolutionär zu spielen. Diesem Vorwurf widerspricht der Gesprächspartner: „Es geht hier sicher nicht um Selbstdarstellung. Dafür ist das ganze auch viel zu anstrengend – ich kann mir wirklich bequemere Orte zum Übernachten vorstellen. Aber so wie bisher, darf es mit der Uni einfach nicht weitergehen.“