Gesellschaft | 30.11.2009

„Tüemr ois mega fescht schminke“

Die Schulmensa ist Verpflegungsstätte, Koffeinversorgungszentrum und Treffpunkt von tratschenden Frauen.
Jung, Schrill und Geschminkt.
Bild: pixelio.de/Ines Pufahl

Donnerstagmorgen, Zeit: unmenschlich früh. Mit dem kleinen bisschen Restkraft, dass noch in meiner Freundin S. und mir schlummert, kämpfen wir uns in die Schulmensa. Und das vom untersten Stock. Wir erklimmen einen Berg hinauf zum Koffeinversorgungscenter. Ja, in den Kantonsschulen wird mit harten Bandagen gekämpft. Nichts desto trotz kamen wir dann irgendwann am Ziel an und liessen uns von der energiespendenden Plärre aus dem Automaten aufwecken und lümmelten uns an einen Tisch. In Anbetracht dessen, dass die Mensa für die Schüler etwas ist, wie für Mohammed das Mekka, war sie an jenem Donnerstag menschenleer. Die Ruhe vor dem Sturm.

Müdigkeit und Komplexe

Die gähnende Leere wurde bald von einem Haufen aufgescheuchter Unterstüfler durchbrochen. Genauer gesagt, vier Mädchen von etwa 14 Jahren, die scheinbar nie schlafen und so die Zeit finden, ihre Haare zu glätten, tonnenweise Make-up aufzutragen und das perfekte Outfit zusammenzustellen. Wir etwas ältere Semester schauen an uns herab und werden von muffigen Brockenhaus-Pullover, kaputten Strumpfhosen und klobigen Doc Martens angelächelt. Super. Zu der allgemeinen Müdigkeit kommen jetzt also auch noch gemeine Komplexe dazu. Etwas angeschlagen, versuchen wir zu kommunizieren. Gesprächsthema: Es muss einen Gott geben, die Englischstunde ist soeben ausgefallen. Die Mädchen am Tisch neben uns sind ebenfalls in eine angeregte Diskussion vertieft. Gesprächsthema: „O.C. California“. Mit entzückten Gesichtern lauschen drei Mädchen dem Alphamädchen. «Es ist aber auch süss, dass der eine Mann zu dem anderem Mädchen sagt, dass er es liebt, jedoch die Liebe zu ihr noch mehr!- Nachdem das Alphamädchen also ihre Geschichte zum Besten gegeben hat, sind die drei anderen für etwa zwei Minuten damit beschäftigt, verzückt zu quietschen.

Doch da das Leben bekanntlich kein Ponyhof ist, widmen sich die Mädchen einem weit ernsteren Thema – der Freund von Mädchen Nr. 2 ist angeblich nicht sehr aufmerksam. Mädchen Nr. 2 unterstreicht diese These mit einem erschreckenden Realitätsbericht. Einem Fakt, der alle wohlgesitteten Liebhaber aus den Socken hauen wird. Nämlich habe dieser Halunke seiner Angebeteten noch nie auf den Frühstückstellerrand „Ich liebe dich“ geschrieben. In was für einer Welt leben wir bitte? Unerhört! Anschliessend zeigen die anderen drei Mädchen ihren Unmut darüber in pikierten „Oh mein Gott!“. Doch von so einer traurigen Geschichte lassen sich vier Gymnasiasten natürlich nicht beirren und plaudern frohen Mutes weiter. Wo ein Donnerstag ist, ist ein Freitag nicht weit, und die Mädchen machen sich an die Wochenendplanung.

Ab ins Kaufleuten

Im Kaufleuten wollen sie Beine und Arme schütteln. Passt doch irgendwie. Doch Moment. Sollte man nicht mindestens 18 Jahre alt sein, um dort reinzudürfen? Doch die exorbitant gescheiten Mädchen lassen sich nicht lumpen und haben auch schon für dieses Problem eine Lösung ausgedacht. „Und tüemer eus mega fest schminkä…weisch damit mer in club iechömed“ – „Ja voll, aber ned billig, oder? Also weisch, ich wet ned billig gschminkt si..- „Neinei! Eifach fest, weisch“. Billiant! Gäbe es einen Nobelpreis für Problemumschiffung, ich wüsste, wer ihn gewinnen würde. Also, Alterbegrenzungsproblem gelöst. Neues und noch viel gravierendes Problem aufgetaucht. „Ui nei, was wemer ahzieh?“

Liebe Leute, für das gibt -˜s doch die Reihe „Musik und Mode“. Doch auch ohne diese Informationsquelle, überwinden die Problemlöserinnen vom Dienst gekonnt auch diese Hürde. „He! Ziehmer doch alli s glichä ah! Dunkelblaui Röhrejeans, es schwarzes Top, wo chli sexy isch und Stiefel, wo ned so vil Absatz hend!“ Gerührt von so viel Ideenreichtum machen meine Freundin S., die zwischenzeitlich eingeschlafen ist (der Mensakaffee hat versagt), und ich uns auf. Und zwar wieder in den untersten Stock, wo der Hausmeister Kopfschmerztabletten verteilt.