Kultur | 17.11.2009

Moderner Prinz aus neuer Perspektive

Text von Seraina Manser | Bilder von Tine Edel
Die St.Galler Inszenierung des Prinzen von Homburg wagt sich zu recht an einen modernen, ungewohnten Perspektivenwechsel. Am Freitag, 13. November war Premiere im grossen Haus des Theaters.
Dunkle Zeiten für Prinz und Prinzessin.
Bild: Tine Edel

Mit einem imposanten Knall –  PAFF! -ist er da, der Prinz Friedrich von Homburg. Mit einem Teil des gigantischen, weissen Vorhangs über den Schultern drapiert steht er da, schlaksig mit schlichtem, verwaschenem Hemd und ebensolchen Hosen. Wie bei einem Schattenspiel kann man auf dem Vorhang schemenhaft die überdimensionalen Umrisse des Grafen Hohenzollern (Hannes Perkmann), der zierlichen Prinzessin Natalie (Boglárka Horváth) und des Kurfürstenpaars (Alexandre Pelichet und Diana Dengler) erahnen.

Erschöpft von der Schlacht hat sich der jugendliche Prinz (Nikolaus Benda) in den Schlossgarten begeben. In Heinrich Kleists Original windet er sich einen Lorbeerkranz; er träumt vom Sieg. Hier in der gekürzten St.Galler Fassung, die trotzdem umfassend erscheint, muss der Munitionsgürtel des Kurfürsten als Krone herhalten.

Veränderte Perspektive

Der Prinz greift nach Natalie, der grossflächige Vorhang reisst und ein dunkles Gelände kommt zum Vorschein, der Zuschauerraum. Die Regisseurin Katja Langenbach und die Bühnenbildnerin Hella Prokoph haben die Perspektive bewusst und mit grosser Wirkung umgekehrt, mit dem Ziel, die Zuschauer zu irritieren und sie zu zwingen, sich an neue Werte zu gewöhnen. So als ob jemand nach dem Krieg durch eine eigentlich vertraute, durch Bomben aber veränderte, zerstörte und nun unbekannte Strasse liefe, muss sich das Publikum zuerst an die neue Situation gewöhnen.

Sobald der Zuschauer sich aber damit angefreundet hat, breitet der weiträumige Schauplatz seine effektvolle Wirkung aus. Er erlaubt die Arbeit von Nähe und Distanz, von Gross und Klein, von Masse und Einzelnem, welche auf der Bühne so nicht realisierbar gewesen wäre. So räkelt sich beispielsweise der potente Kurfürst zuhinterst auf den Sitzen der billigsten Kategorie; im Original wäre es das Kurfürstenzimmer. Jeder der sonst violetten, gepolsterten Sessel ist von einer Art enormem, dunklem «Kehrichtsack« zugedeckt; zusammen mit der grauen Betonwand entsteht eine drückende Atmosphäre. Dieses schnörkellose Bühnenbild, die angedeuteten Kriegsnarben in den Gesichtern der Schauspieler und die schlichten, düsteren Kostüme von Julia Ströder – nur die farbige Blume im Haar der Kurfürstin und der Rock Natalies bringen ein wenig Farbe in den Kriegsschauplatz – lenken einem nicht von der in der nicht ganz simplen Sprache Kleist gehaltenen eigentlichen Handlung ab.

Moderner Prinz

Der Sprung in die Moderne – das Original spielt zur Zeit des Sieges des Kurfürsten Friedrich Wilhelm über die schwedische Armee im 17.Jahrhundert – gelingt einwandfrei und nicht gekünstelt. Die Geschichte eines jungen Mannes, der seine Persönlichkeit ein wenig zu hoch einschätzt, ist zeitlos. Das Ziel war keine krankhafte Modernisierung mit Hilfe von Maschinengewehren, sondern eine Inszenierung, die es erlaubt, die Kriegssituation als Hauptthema entfalten zu lassen.

Absichtlich wird auf jegliche blutige Szenen verzichtet, der Degen im Original wird durch eine kugelsichere Weste ersetzt. Kein einziges Mal kommt es zu Gewaltszenen, doch der Anwesende kann den Krieg wahrhaftig fühlen. Es werden zwar keine Schlachten gezeigt, aber man hört eindrückliche Gefechtslaute aus den Boxen im Zuschauerraum. Durch die Klänge von Jakob Diehls Musik werden eigene Emotionen bewusst verstärkt. Der Krieg wird nicht szenisch dargestellt, sondern im Zuschauer drin wird erfolgreich ein starkes Gefühl erzeugt, welches ihn den bedrohlichen Krieg spüren lässt.

Konflikt

Der selbstbewusste, übereifrige Prinz widersetzt sich der Order des Kurfürsten und kann mit lauter Stimme den ruhigen Obristen Kottwiz (Hans Rudolf Spühler) und somit die Armee überzeugen. So tritt er zu früh in die Schlacht ein. Er untergräbt damit scheinbar unbewusst des Kurfürsten Persönlichkeit und dessen Kriegsstrategie. Der Kurfürst verhängt wegen Ungehorsams das Todesurteil über ihn.

Der Zuschauer ist hin und her gerissen zwischen dem strengen Kurfürsten, der sich in seiner Position bedroht fühlt, und dem jungen, um die Freiheit kämpfenden Prinzen, den die Regie nicht im Gefängnis festhalten, sondern an einem dünnen Lebensfaden – wortwörtlich hilflos über dem Boden baumelnd – hängen lässt, was eine raffinierte Idee der Inszenierenden ist. Für den Zuschauer ist es schwierig, ob er die Position des glaubwürdigen Vertreters von Recht und Ordnung oder die des menschlichen Prinzen vertreten soll, weil beide mit starken Argumenten kontern.

Boglárka Horváth als Prinzessin Natalie gelingt es als einfühlsame, gut zwischen Gefühl und Vernunft argumentierende Vermittlerin, den Kurfürsten zu erweichen. Sie ist getrieben von einer zärtlichen, nachvollziehbaren Liebe zum Prinzen. Diese ist im harmonierenden Zusammenspiel mit Nikolaus Benda, dem Prinzen, intensiv auf schönste Weise spürbar.

Auch dank dem Oberst Kottwitz (Hans Rudolf Spühler), der den militärischen Ton beherrscht, entschliesst sich der Kurfürst, den Prinzen selbst über das Urteil entscheiden zu lassen.

Der Prinz macht im Verlaufe des Stücks eine Wandlung durch. Es ist offensichtlich, dass Nikolaus Benda sich in der Rolle des Prinzen auskennt; Homburg war seine Rollenarbeit als Absolvent der Otto-Falkenberg-Schule. Einwandfrei repräsentiert er sowohl den anfangs motivierten, gegen Ende immer emotionsloseren Prinzen, der das Todesurteil zu akzeptieren beginnt.

Links