Gesellschaft | 02.11.2009

Menschen oder Schweizer?

Text von André Müller
Neulich blies wieder einmal die grosse Schweizer Sinnfrage durch unseren Blätterwald. Dabei wird mit denselben Positionen diskutiert wie im Zeitalter des Kalten Krieges. Beide Seiten glauben, die Schweiz habe eine Mission zu erfüllen. Aber hat sie das wirklich?
Retterin der Welt oder Tellscher Hort der Unabhängigkeit? Weder noch.

Alte Männer scheinen viel Zeit zu haben, sich um eine ferne Zukunft zu sorgen, die sie kaum mehr erleben werden. Auch Adolf Muschg hat letzthin in der Zeit wieder einmal den Moralhammer auf unser Land niedersausen lassen und uns beschwört, zur sittlichen Vorreiterrolle unter den Nationen zurückzukehren, am besten innerhalb der EU. Seine Gegner, im Landi-Geist zu eiserner Neutralität und Bankgeheimnis erzogen, schimpfen ihn derweil einen Grossintellektuellen, was hierzulande ja durchaus eine Beleidigung ist. Hier stehen sich zwei Sichtweisen gegenüber, welche vor oder während dem Kalten Krieg geboren wurden und diesen trotzdem bis heute überlebt haben. Dementsprechend emotional wird die Debatte geführt, da auch ihr Gegenstand emotional stark aufgeladen ist: Die Schweiz.

Pragmatische Gründer

Doch was ist die Schweiz denn eigentlich? Sie ist weder die grosse Heilsbringerin unter den Völkern, noch ist sie die Freiheitsinsel des Wilhelm Tell. Die Schweiz hat keinen Sinn im eigentlichen Sinn. Sie ist 1848 aus praktischen Gründen entstanden, als ein paar Leute aus den meisten Orten genug davon hatten, an jeder Kantonsgrenze Zölle zahlen und Geld wechseln zu müssen. Sie wollten auch eine gemeinsame Aussenpolitik führen, was den Innerschweizer Ständen nicht recht schmecken wollte und in einen kurzen Bürgerkrieg mündete – den letzten einer ganzen Reihe von Konflikten seit jenem ominösen 1291. Letztlich setzte sich in diesem Krieg die grössere Militärmacht und nebenbei auch die Einsicht durch, dass ein Bundesstaat besser als ein Staatenbund geeignet sei, mit den Problemen der Zeit fertig zu werden.

Neue Zeit, neue Herausforderungen

Heute kämpfen wir mit anderen Problemen: die Globalisierung der Wirtschaft hat dazu geführt, dass riesige Konzerne entstanden sind, welche einen isolierten Kleinstaat wie die Schweiz in der Hand haben. Als die Bankenkrise über die Welt hinwegfegte, brauchte die UBS der Schweiz bloss zu sagen: „Helft uns, oder wir gehen beide drauf!“

Die Klimaerwärmung ist mitunter die Folge der Konkurrenz zwischen Staaten, welche erst dann politische Massnahmen beschliessen, wenn es alle anderen bereits getan haben. Schliesslich soll der eigene Standort nicht geschwächt werden.

Eine Welt aus konkurrierenden Einzelstaaten wird den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nicht gewachsen sein. Es ist daher an der Zeit, dass wir – insbesondere in der Schweiz –  die Zeichen der Zeit erkennen und darauf drängen, diese Probleme international anzugehen. Das heisst, in der UNO und in einem ersten Schritt innerhalb der EU. Vielleicht wäre ja ein Angriff von Ausserirdischen besser geeignet als Adolf Muschg, den Eidgenossen die Notwendigkeit einer weltweiten Zusammenarbeit näher zu bringen. Doch auch wenn ein solcher ausbleiben mag, sollten wir uns bewusst sein, dass wir in erster Linie Menschen sind und keine Schweizer.

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