Kultur | 23.11.2009

Lebensfreude, Dekadenz und Sinnleere

Vergangenes Wochenende ging das lateinamerikanische Filmfestival Pantalla Latina erfolgreich über die Leinwand. Die zahlreich erschienenen Besucher genossen ein dichtes und vielfältiges Programm und hatten Gelegenheit, echte Perlen unter den Filmen zu entdecken.
Sein Angestellter brachte Santiago Grasso den Publikumspreis ein.
Bild: Pantalla Latina Die gestürzten Götter der peruanischen Oberschicht. © Doc & Film International Ihre Liebe zueinander bringt Lala und Guayi einige Probleme ein. Pantalla Latina Unfreiwilliger Auftragskiller aus "Los Bastardos". © Le pacte

Die Vielfalt des lateinamerikanischen Filmschaffens zu präsentieren war erklärtes Ziel des Festivals. Ganz besonders gelang dies beim Wettbewerb, bei welchem in drei Blöcken 23 Kurzfilme von jungen lateinamerikanischen Regisseuren und Regisseurinnen gezeigt wurden. Das Publikum hatte die nicht ganz leichte Aufgabe, aus vielen gelungenen Beiträgen einen Sieger zu küren. Der mit 2000 Franken dotierte Preis ging schliesslich an Santiago Grasso für seinen Animationsfilm „El Empleo“. Dem Argentinier gelang es, mit seinem satirischen Seitenhieb auf die Sinnleere der postmodernen Arbeitswelt die Zuschauer zu überzeugen. Der zweite Platz ging ebenfalls an einen Regisseur aus Argentinien und zwar an Gastón Rothschild für seinen Kurzfilm „Un juego absurdo“. Seine humorvolle Episode über die Tücken des pubertären Balzverhaltens versprühte Lebensfreude und brachte das Publikum wiederholt spontan zum Lachen. Beide Kurzfilme erhielten vom Publikum viel verdienten Beifall.

Der Schatten von Los Angeles

Aber auch die zwölf gezeigten Spielfilme machten Pantalla Latina zu einem überaus gelungenen Festival. Die Zuschauer erlebten Lateinamerika von seiner bezaubernden, aber auch von seiner problematischen Seite. So zum Beispiel in „Los Bastardos“ von Amat Escalante. Der Film begleitet während 24 Stunden zwei mexikanische Immigranten in Los Angeles, wie sie sich von einem schlecht bezahlten Job zum anderen hangeln und sich plötzlich und nicht ganz freiwillig in der Situation wiederfinden, als Auftragsmörder engagiert worden zu sein. Escalante lässt Schichten aufeinanderprallen und Schicksale kollidieren, ohne in plakative Gesellschaftskritik zu verfallen. Er lässt dem Zuschauer viel Zeit zum Beobachten und Nachdenken und malt mit kahlen, brutalen Bildern und lang hingezogenen Szenen ein Bild abgrundtiefer Verzweiflung und wirft den Zuschauer mit seinen Fragen und dem Bedürfnis nach einem moralischen Urteil immer wieder auf sich selbst zurück.

Schwermut und Leichtsinn aus Peru

Auch „Dioses“ von Josué Méndez Bisbal behandelt soziale Schichten, aber von der anderen Seite kommend. Der in Biarritz 2008 preisgekrönte Film portraitiert die Dekadenz der peruanischen Oberschicht und den damit verbundenen Realitätsverlust. Diego, Sohn einer reichen Familie, verkörpert das Unvermögen, etwas mit seinem Leben und seiner sozialen Stellung anzufangen und wird an den Rand des Wahnsinns getrieben, als er in eine obsessive Zuneigung gegenüber seiner Schwester Andrea verfällt. Andrea wiederum kämpft ihrerseits ohne Hoffung auf Erfolg mit den Konsequenzen ihres leichtsinnigen und scheinbar unbeschwerten Lebenswandels in der Form einer ungewollten Schwangerschaft. Elisa dagegen, die neue Freundin des Familienvaters und in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, hat Mühe in der Runde der Reichen mehr zu erreichen als zu lächeln und zu nicken. Ihr Versuch, in ihre neu erworbene Rolle zu passen, bedeutet mehr und mehr den Verlust von Familie und Herkunft und Bisbal lässt Elisa stellvertretend von Diego und Andrea verhöhnen. „Dioses“ wird so zu einem bissigen Kommentar über das, was sich hinter der glänzenden Oberfläche der Reichen und Schönen Perus befindet.

Die Liebe und das Fischkind

Aus Argentinien stammt der gefühlvolle Film „El niño pez“ von Lucía Penzo. Die Regisseurin, die für ihren Erstling „XXY“ in Cannes den Preis für den besten Film gewann, erzählt die Geschichte einer leidenschaftlichen Liebe zwischen zwei jungen Frauen. Lala, die Tochter eines Richters, gibt sich ganz ihrer Sehnsucht nach dem Dienstmädchen der Familie und dem Traum einer gemeinsamen Zukunft in einem Haus am See in Paraguay hin. Die Zuschauer begleiten sie auf ihrer ungewöhnlichen Reise, auf der sie versucht, das Geheimnis sowohl der sinnlichen und mysteriösen Guayi, als auch der Legende des „Fischkindes“ zu lüften, ohne zu ahnen, dass die beiden miteinander zusammen hängen. „El niño pez“ zeigt diese Reise, auf der Liebe, Hoffnung, Misstrauen, Angst und Verzweiflung stets nahe beieinander liegen, in intensiven Momentaufnahmen und durcheinander geworfener Chronologie. Die beiden Hauptdarstellerinnen Inés Efron und Mariela Vitale spielen ihre Rolle mit viel Überzeugungskraft und Herzblut und lassen den Film nahe ans Herz gehen.

Gerne wieder

Die Veranstalter von Pantalla Latina haben die Gelegenheit wahrgenommen, dem Publikum durch eine ansprechende Auswahl an Filmen Lateinamerika mit all seinen verschiedenen Facetten zu zeigen. Nicht zuletzt durch die Moderation und Betreuung durch Menschen mit südamerikanischer Herkunft und die Vorführung der Originalversionen der Filme mit Untertiteln konnte der Festivalbesucher ganz ins Thema eintauchen. St. Galler mit lateinamerikanischer Herkunft, Fernweh oder auch nur einer Portion Neugierde können also hoffen, dass die erste Ausgabe von Pantalla Latina nicht die letzte war.

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