Kultur | 09.11.2009

Konfliktzone öffentlicher Raum

Text von Julia Weiss | Bilder von Julia Weiss
Eine Tink.ch-Reporterin war am Jahresfachtag des Schweizer Dachverbands für offene Jugendarbeit (DOJ). Sie hat ihre Gedanken und die Ansichten verschiedener Jugendarbeitenden zum Thema "Jugendliche im öffentlichen Raum" reflektiert.
Überschneidungen der verschiedenen Bedürfnisse im öffentlichen Raum.
Bild: Julia Weiss

Jugend ohne Gott? Eher: Jugend ohne Platz. Die Jugend braucht viel Raum, um das Erwachsensein zu üben, um sich selbst zu inszenieren und somit eine Persönlichkeit zu entwickeln. Dazu benutzt sie den öffentlichen Raum. Früher war dieser Raum „Promenade für das Volk“. Durch alle Gesellschaftsschichten hindurch wurde das öffentliche Leben in diesem dafür vorgesehenen Raum ausgetragen. Heutzutage machen hauptsächlich Jugendliche Gebrauch davon. Denn in den meisten Fällen  stehen ihnen keine eigenen, selbstverwalteten Räume zur Verfügung. Die „Jugend ohne Platz“ hat sich den öffentlichen Raum zu Eigen gemacht.  

Distanz ist unnötig

Gestaltet eine Architektin oder ein Architekt den öffentlichen Raum im Bewusstsein, dass ihn die junge Generation am intensivsten und als Übungsraum zum Erwachsenwerden nutzt? Für die Tagung und die Teilnehmenden ist diese Frage leider nicht relevant, denn laut Monika Litscher sind den jugendlichen Raumbenutzern politische Angelegenheiten wie die Gestaltung des Raums nicht wichtig. „Scheissegal“ – diesen Ausdruck hört man später von Jan Hartmann, Streetworker und Leiter des  Workshops „Begleitete Projekte und Freiräume in Biel“. Im Anschluss fragt er gleich nach, ob alle mit seiner Ausdrucksweise einverstanden sind. Es sind alle einverstanden.  

Den Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter wird ein Film über eine Fallstudie gezeigt. Sie lachen laut, als ein Mann, während er interviewt wird, versucht, eine aufsässige Fliege zu vertreiben. Der Humor scheint ihnen ob ihrer Arbeit mit der „gewalttätigen, Abfall produzierenden Jugend“, wie diese von manchen Leuten und oft auch in den Medien dargestellt wird, nicht abhanden gekommen zu sein. Wenn man die Leute vom DOJ fragt, so seien die Jungen von heute sogar sehr nette Menschen. Sie gingen mit sich selbst härter ins Gericht, als jeder bürgerliche Hardliner es fordern könne. Die Distanz zu den Jugendlichen und die Angst vor ihnen sei unnötig, meinen sie.  

Ein Wohnzimmer in Freiheit

Jugendliche sind heutzutage quasi im öffentlichen Raum zu Hause. Er sei ihr zweites Wohnzimmer, ist von verschiedenen Referentinnen und Referenten zu hören. Ein Wohnzimmer, wo es keine Eltern und somit weniger Vorschriften gibt. Der öffentliche Raum birgt jedoch viel Konfliktpotenzial. Weil hier die verschiedenen Altersgruppen und ihre unterschiedlichen Bedürfnisse aufeinanderprallen. Ausserdem gibt es ja scheinbar trotz der netten jungen Menschen Littering, Gewaltbereitschaft und Lärm. Dies beklagen Anwohner der betroffenen, öffentlichen Räume.  

Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter wollen hier Ressourcenarbeit leisten. Denn die Eigenverantwortung der Jugendlichen sei durchaus vorhanden, aber nicht aktiviert, meint Jugendarbeiter Till Berger in seinem Referat über integrales Management. Und Jugendarbeiterin Theres Wernli will in ihrem Praxisfenster „Handlungsansätze im öffentlichen Raum“ gar nicht von „Problemen“ reden, sie nennt sie „Phänomene“. Problemorientiertes Denken trägt nicht zu Lösungen bei, so der Konsens.  

Überwachungskameras oder offene Jugendarbeit?

Zu solchem problemorientierten Denken neigen leider verschiedene Politikerinnen und Politiker. Sie lassen Überwachungskameras einrichten, erlassen Besammlungsverbote, verabschieden Wegweisungsgesetze und setzen noch mehr Polizei ein, in der Meinung, die „Phänomene“ unter Kontrolle zu bekommen. Die Jugendarbeiterinnen und Jugendarbeiter hingegen organisieren Räume, Jugendtreffs, mieten Turnhallen, damit soziale Strukturen erlernt werden können und Sport getrieben werden kann. Sie gehen auf die Strasse, um die Jugendlichen nach ihren Bedürfnissen zu fragen und sehen sich nach Möglichkeiten um, diesen gerecht zu werden.  

Die Fachtagung ist eine sehr lehrreiche Veranstaltung. Was man vermisst, ist die Anwesenheit der oben erwähnten Politikerinnen und Politiker. Die Tagungsteilnehmenden mit ihrer Erfahrung könnten ihnen erklären, wie richtige „Phänomenbewältigung“ funktioniert.

Aus meiner Sicht liegt das Problem für den Konflikt um die Handhabung des öffentlichen Raumes und der Jugend, die ihn benutzt, in der mangelhaften Kommunikation zwischen Sozialarbeit und Politik.

Info


Dieser Beitrag ist im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Kommunikationsagentur cmusy.ch aus Bern entstanden. Die Dokumentation über die Jahresfachtagung des Dachverbands der offenen Jugendarbeit (DOJ) vom 22. Oktober in Biel wird in Form der Dezember-Ausgabe des InfoAnimation-Hefts des DOJ erscheinen.

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