Kultur | 16.11.2009

Inspiration mit Lichtgeschwindigkeit

Text von Uwe Bieri
Im Tink.ch-Interview sprechen The XX über Nachtschichten, überproduzierte Songs, das Leben als "Touring Band" und den Anspruch an die Unvollkommenheit.
Oliver, Jamie, Romy und Uwe. The xx - nachdenklich. In Rockstar-Pose. The XX visualisieren ihren Bandnamen. Fotos: Uwe Bieri

Der interessanteste Zeitpunkt in der Biographie einer Band ist die Momentaufnahme des Übergangs zwischen der ersten „Hypephase“ und dem etablierten Status oder in Schweizer Verhältnisse übersetzt: Die Metamorphose von Auftritten in kleinen Clubs wie dem Transformateur in Fribourg und dem Xtra in Zürich zu den Auftritten in den wirklich grossen Locations wie dem Hallenstadion.

 

Die Londoner Band The XX befindet sich momentan wahrscheinlich in diesem Stadium ihrer Entwicklung. Nachdem sie in der Januarausgabe des renommierten englischen Musik-Magazins „NME“ zur „Band To Watch 2009“ erkoren wurden, im August ihr erstes Album auf den Markt brachten und sich nun auf ihrer ersten international Tour befinden.

 

Ein Tink.ch-Reporter untersuchte das Stadium ihrer Evolution vor ihren beiden Auftritten in der Schweiz.

 

 

Das Logbuch:

Fribourg 06. November, Club le transformateur, 16.00 Uhr, acht Stunden vor der Show.

 

Von der Bar aus lässt sich beobachten, wie die Band ihr Equipment hineinträgt und installiert.

 

Kurz danach geht es in die hinteren Bereiche des noch leeren Clubs, wo sich die Band für das Interview zurück gezogen hat.

 

Hallo, ich habe gesehen, dass ihr mit einem Car unterwegs seid. Wie ist das so unterwegs zu sein, fühlt ihr euch gut?

Oliver: Hi, wir sind noch ein bisschen müde, wir sind erst heute Mittag hier angekommen. Vorgestern waren wir noch in Prag, aber sonst ist alles klar bei uns.

Romy: Das einzige, was ich im Car vermisse, ist eine Dusche (lacht).

 

Okay, dann starten wir doch am besten sofort, dann könnt ihr nachher vor der Show noch ein wenig schlafen. Ich habe gelesen, dass ihr das Album alleine produziert und auf den von eurem Label zur Verfügung gestellten Produzenten verzichtet habt. Ich kann mir vorstellen, dass das viel Verantwortung für eine junge Band bedeutet hat. Wie seid ihr mit diesem selbstauferlegten Druck umgegangen?

Oliver: Zuerst hatten wir mit anderen Produzenten zusammen gearbeitet, wir dachten das würde uns etwas bringen und wir könnten von ihnen lernen, aber während den Aufnahmen konnten wir uns nicht richtig einbringen. Wir stellten fest, dass wir mehr wie sie klangen als The XX. So haben wir uns dann entschieden, dass Jamie die Produktion übernimmt. Er ist in der Band, er kennt unseren Sound. Es besteht eine ehrlich Beziehung zwischen uns. Wir gehen sehr offen miteinander um und er kann mir sagen: Spiele oder singe diesen Teil noch einmal, das kannst du besser. Das hat uns erlaubt, die Produktion wirklich in unserem Sinn zu gestalten.

Stimmt es, dass der grösste Teil der Aufnahmen nachts stattgefunden hat, oder ist das bloss ein cooles Rockstar-Gerücht, das ihr in Umlauf gebracht habt?

Oliver: Nein, das ist wirklich wahr. Wir haben meistens von neun Uhr Abends bis neun Uhr Morgens gearbeitet. Wir sind Nachtmenschen. Wir arbeiten, wenn wir aufwachen – Nachts.

 

Ist es schwieriger, einen Song zu entwickeln oder ihn aufzunehmen?

Oliver: Ähmm (zögert), ich weiss nicht, was meinst du Romy?

Romy: Wir haben meistens schon die Hälfte des Songs im Kopf und dann nehmen wir ihn zuerst einmal ganz simpel, zum Beispiel auf dem Mac, auf und tauschen uns dann aus.

Jamie: Die Vorproduktion entsteht meistens bei der Entwicklung des Songs. Es stellt sich also nicht unbedingt die Frage, was schwieriger ist, sondern wie wir es schaffen, die Art der Entstehung in die endgütige Version mit einfliessen zu lassen, dass es „perfectly imperfect“ wird. Wir wollen nicht, dass es überproduziert und zu fest nach Pop tönt.

Ok, und nun einige Fragen über euer Leben als „Touring Band“. Soviel ich weiss, ist das eure erste internationale Tour. Erzählt, was war bis jetzt das aussergewöhnlichste oder überraschendste Erlebnis?

Romy: Dass bis jetzt jede Show ausverkauft war. Es macht mich glücklich, heute Abend hier zu spielen und zu wissen, dass die Leute wegen uns hier sind.

Oliver: Ja, und dass so viele Leute unsere Songs kennen. Das ist wirklich unglaublich.

 

Was sind die Schattenseiten, wenn man auf Tour ist? Was vermisst ihr am meisten von zu Hause?

Oliver: Ich habe schon lange nicht mehr in meinem eigenen Bett geschlafen, aber das ist nicht wirklich ein grosses Unglück (lacht). Nein, am meisten vermissen wir unsere Freunde und die Familie. Das ist das grösste Opfer, das man bringt, wenn man auf Tour ist.

 

Wovon lasst ihr euch ausserhalb der Musik beeinflussen?

Romy: Ich mag Filme von Luc Besson, wie zum Beispiel „Angel-A“, der zwar nicht unbedingt ein Happy End hat, aber genau richtig so war. Ich mag das.

Oliver: Ich kann meinen Einfluss nicht wirklich an etwas Bestimmtem festmachen, aber wir sind alle sehr interessiert am kreativen Schaffen, an Kunst. Wir haben zum Beispiel das Artwork für unser Album und die Musikvideos selbst gemacht und momentan arbeiten wir an den Visuals für unsere Live-Show.

 

Mögt ihr Bücher, lest ihr Bücher, habt ihr Zeit, um Bücher zu lesen?

Oliver: Wir haben definitiv viel Zeit… (Romy unterbricht ihn)

Romy: Es ist schwierig, Bücher in Englisch aufzutreiben, denn wir haben in letzter Zeit nicht oft in englischsprachigen Ländern gespielt. Darum habe ich nicht so viel gelesen, aber wenn mir jemand ein gutes Buch gibt, mache ich eigentlich nichts anderes als lesen, bis ich mit dem Buch fertig bin (lacht).

Oliver: Ich mag „The wasp factory“ von Lain Banks, ich habe es sicher schon dreimal gelesen. Langweilig, ich weiss, ich sollte mal ein neues lesen (lacht).

 

Ihr kommt von London. Mögt ihr die Natur oder seid ihr mehr auf das Stadtleben ausgerichtet?

Oliver: Ich bin definitiv ein Stadtmensch, aber ich mag es manchmal auch, aus der Stadt zu fliehen. Meine Mutter wohnt auf dem Land und wenn ich aus der Stadt raus will, gehe ich sie besuchen. Aber ich könnte nicht zu lange ausserhalb der Stadt leben, ich brauche diese Dynamik, die in der Stadt herrscht. James?

James: Yep. (alle lachen) Ich bin auf dem Land aufgewachsen, aber ich möchte dort sicher nicht alt werden.

 

Was hättet ihr getan oder was würdet ich tun, wenn ihr von euer Musik nicht mehr leben könntet?

Oliver: Glücklicherweise sind wir alle erst 20, also noch jung. Wir würden wahrscheinlich wieder zurück zur Uni gehen. Nach dem College habe ich das Grundstudium in Kunst begonnen und ich würde wahrscheinlich damit weitermachen. Ich habe mal als Kellner gearbeitet und mir dabei geschworen, dass ich nie wieder einen normalen 9-to-5-Job machen würde. Nie, das ist furchtbar.

Romy: Ich habe auch mit dem Grundstudium in Kunst begonnen und würde wahrscheinlich auch wieder dorthin zurückkehren, auf jeden Fall möchte ich etwas Kreatives machen.

James: Ich weiss nicht, es ist schon eine Weile her, als ich noch zur Schule gegangen bin. In der Zwischenzeit habe ich Musik gemacht und geskatet. Also wenn es mit der Musik nicht klappt, probiere ich vielleicht, das andere professionell zu machen (lacht).

 

Bei den paar letzten Fragen, die ich euch jetzt stelle, müsst ihr euch für eine der zwei vorgegebenen Antworten entscheiden. Überlegt nicht zu lange, antwortet einfach spontan.

Würdet ihr eher vier Wochen in einem Kloster oder sechs Wochen in einem Gefängnis verbringen?

Oliver: Ich würde sagen Kloster.

Romy: Ich finde das Kloster ist krasser (lacht), aber ich würde auch Kloster sagen, von wegen Inspiration und so.

Jamie: Kloster.

Oliver: Was würdest du wählen?

 

Ich würde das Gefängnis wählen, da sind all die coolen Typen mit ihren interessanten Geschichten und wenn du möchtest, kannst du dir ein cooles Knast-Tattoo stechen lassen. (alle lachen)

 

Würdet ihr eher auf einer Beerdigung oder auf einer Hochzeit spielen?

Romy: Hochzeit.

Oliver: Ähmm, Beerdigung, ich möchte Hochzeit sagen, aber ich glaube, wir passen besser auf einer Beerdigung.

 

Slowmotion oder Lichtgeschwindigkeit?

Oliver: Lichtgeschwindigkeit, wegen den Raumschiffen und all dem coolen Sciencefiction-Zeugs.

 

Aber eure Musik ist Slowmotion, nicht?

Oliver: Ja, aber…

Romy: …aber unsere Inspiration kommt mit Lichtgeschwindigkeit (lacht).

 

Logbuch: Ende

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