Kultur | 06.11.2009

In weissen Socken fest auf dem Bühnenboden

Text von Aurelia Möri
«Blaue Augen, weisse Socken und eine marineblaue Trainingshose heissen mich an der Loge des Stadttheaters willkommen. Der Tänzer Bruce McCormick ist für seine Arbeit bereit und führt mich seitlich der Bühne hindurch in den Zuschauerraum.»

Heute findet die Bühnenorchesterprobe von „Julia und Romeo“ statt. Das Orchester spielt sich ein, und der Dirigent will noch ein paar Takte überprüfen, während die Tänzer sich aufwärmen und miteinander lachen. Die Ballettchefin betritt die Bühne mit Papier in den Händen und redet leise mit den Tänzern, während der Dirigent dazwischenruft: „Das muss viel trockener klingen!“ Währen des Durchlaufs ist Bruce nicht zu sehen. In „Julia und Romeo“ tanzt er den Lord Capulet als Zweitbesetzung, er muss also die Bewegungen von Julias Vater können, steht dabei aber nicht unbedingt auf der Bühne.

Vom Fussball zum Ballett

Nach der Probe winkt er mich zu sich. Er sitzt entspannt da, ein Bein hängt locker über dem anderen, das angewinkelt auf dem Polster des Stuhls liegt, seine Miene wirkt gleichzeitig offen und zurückhaltend. „Bern ist sehr schön“, findet Bruce. Seit fünf Jahren lebt der Amerikaner aus New Jersey nun in Bern, wo er als Tänzer und Ballettmeister engagiert ist. Als er sieben war, sah er seinen zwei Schwestern bei einer Tanzprobe zu, und von da an wollte auch er ins Ballett. Seine im August verstorbene Mutter dachte, es sei gut für seine Koordination, und so wechselte Bruce vom Fussballverein ins Ballett. Sein Vater war nicht besonders begeistert, unterstützte ihn aber trotzdem. Mindestens einmal im Jahr kommt Bruce Familie aus Amerika ihn besuchen, und mindestens einmal im Jahr besucht er sie.

Sein Arbeitstag beginnt um zehn Uhr morgens mit dem Tanztraining des Ensembles, das er zu leiten hat. Danach geht es weiter mit den Proben bis achtzehn Uhr, zwischendurch gibt es ein, zwei kleinere Pausen und die Mittagspause. Die Sprache, in der man sich im Ballett untereinander verständigt, ist Englisch.

Yoga statt Mathematik 

Während der übrigen Zeit liest und schreibt Bruce McCormick, manchmal geht er auch in der Aare schwimmen oder joggen. Seine Leidenschaft gilt jedoch dem Yoga, und seit zwei Jahren darf er sich Kripalu-Yogalehrer nennen. Sein Motto lautet: „Füsse auf den Boden, im Moment bleiben und atmen.“ Was er gemacht hätte, wenn er nicht getanzt hätte? „Ich habe an Mathematiklehrer gedacht“, sagt er, aber zum Glück ist er das nicht geworden. Feste Zukunftspläne hat er keine, und auf die Frage, was er unbedingt noch machen wolle, erwidert er mit Schulterzucken und Kopfschütteln: „Ich weiss es nicht. Keine Ahnung. Ich hatte schon viele Träume, und die meisten davon haben sich erfüllt. Ich habe aber das Gefühl, dass es noch viel zu entdecken gibt.“

Über die Autorin


Von Linda Jutzi (15)

"Aurelia hat manchmal einen anderen Gedankengang als die anderen und kommt daher auch auf andere Ideen. Ausserdem möchte sie allen helfen." So beschreibt eine Kollegin Aurelia Möris Charakter. Ich selbst erlebe Aurelia als eine hilfsbereite, manchmal nachdenkliche und fröhliche Person. Aurelia besucht mit ihren 16 Jahren bereits die Sekunda in der NMS in Bern. Was sie später einmal werden will, weiss sie jedoch noch nicht. Sie wohnt in Bern und hat einen acht jährigen Bruder. In ihrer Freizeit geht sie in die Pfadi, zum Fechten oder ins Theater. Beim Theater findet sie spannend, was es alles braucht, damit ein Stück überhaupt erst entstehen kann.