Gesellschaft | 15.11.2009

Ich grüsse dich, Langeweile

Was wäre, wenn es keine neue Medien mehr gäbe? Die Kolumnistin versetzt sich für einen Tag lang in das «Horrorszenario«.
Kein iPod, kein Facebook - ein Albtraum?

„Aufstehen!“ Ich werde durch die laute Stimme meines Vaters geweckt. Vorbei sind die Zeiten, in der mich die Beatles sanft aus meinen Träumen geholt haben. Denn heute fängt für mich ein Leben ohne neue Medien an.  

Ein frischer Duft von Freiheit oder ein Szenario, das mich in die Verzweiflung treibt? Kurz nachdem ich das Haus verlasse, fängt das Problem schon an: Da ist kein iPod, keine Musik. Schlechte Stimmung ist vorprogrammiert. Meine lieben Mitmenschen, erfreut euch daran! Im Zug eröffnen sich plötzlich neue Dimensionen. Das Schnarchen der Reisenden weckt Erinnerungen an längst verdrängte Erlebnisse.  

Raus aus dem Zug, rein in die Geschichtsstunde. Was gäbe es da für interessante Filme, die uns über vergangene Tage informieren und die Lektion um einiges verkürzen könnten. Aber nein, wir erhalten ein Dossier, das uns über Gott und die Welt aufklärt. Ich grüsse dich, Langeweile! Gäbe es in meiner neuen Welt ein Handy, ich meiner besten Freundin auf der Stelle eine Kurznachricht schicken.  

Lasst mich einer Facebookgruppe beitreten, nach einer Nachwuchsband auf mySpace suchen, von mir aus schaue ich auch Partyfotos auf Tillate an, nur gebt mir bitte ein digitales Medium! Doch auch das ist mir vergönnt und wünsche ich mir sehnlichst das Ende der Stunde, ja sogar das Ende des Tages, herbei.  

Bin ich schon so weit, dass ich mich als süchtig bezeichnen könnte? Ja, ich gebe es zu, die Arbeitsgruppe Neue Medien der Jugendsession hat mich aufgeklärt: Ich bin süchtig! Süchtig nach Kommunikation. Und diese funktioniert heutzutage nun mal digital und virtuell, das hab ich mir nicht ausgesucht. Sonst würde ich in diesem Moment mit Bleistift und Notizblock draussen auf dem Bundesplatz sitzen.