Kultur | 30.11.2009

„Ian Curtis war ein unglücklicher Depp“

Text von Audrey Djouadi
The Horrors klingen wie Joy Division, bestreiten dies aber. The Horrors sehen auch aus, als ob sie sich stundenlang frisieren müssten - auch das bestreiten die aufstrebenden Londoner im Interview.
Düstere Musik von netten Menschen: The Horrors.

Am 16. November spielte die englische Band The Horrors im Zürcher Abart. Vor dem brillanten Konzert nahmen sich Joshua Third und Tomethy Furse Zeit, um mit Tink.ch zu reden. Überraschend fröhlich witzelten die zwei herum, boten Kaffee an und verrieten die Tricks für die ultimative Horrors-Frisur. 

Ihr habt die Band in 2005 gegründet, habt ihr schon zuvor zusammen gespielt?

Tom: Nein, niemand von uns hatte Erfahrung, als wir anfingen zu spielen.

Gestern habt ihr in Lausanne gespielt. Wie gefällt euch die Schweiz bis jetzt?

Tom: Ja, gestern war ziemlich cool. Wie lieben es, an Orten wie dem Arches zu spielen. Wir haben so ’ne gewisse Affinität mit Bögen, darum war’s echt cool, in Lausanne unter einer Brücke zu spielen (Anm.d.Red. Konzerte des „Le Romandie“ werden zum Teil im Arches Du Grand-Pont veranstaltet) Wobei, wir sind nicht gerade glücklich über das Soundlimit hier.

Dieses Jahr wurde euer zweites Album veröffentlicht, was unterscheidet Primary Colours von eurem ersten Album?

Tom: Kleine Dinge, die unserer Band im Lauf der Jahre widerfahren sind. Wir wissen zum Beispiel jetzt besser, wie man mit dem Studio umgeht, wie man bessere Songs schreibt. Das ist es in etwa.

Ihr habt diverse Fanzines veröffentlicht (Anm.d.Red. Ein Fanzine ist ein Magazin, das für Fans gemacht ist). Was steckt dahinter?

Tom: Als wir uns dazu entschlossen haben, dachten wir, es sei eine nette Geste für unsere Fans. Ausserdem haben die Leute sehr viel über uns gesprochen und Dinge behauptet. Sie meinten zu wissen, was die Botschaft der Band ist, was für Musik wir hören – und es war alles falsch. Es war wirklich so viel Müll dabei, es hatte nichts mit uns zu tun. Es ist uns wichtig, dass die Leute richtig über uns denken.

Joshua: Es ist eine grossartige Gelegenheit, Musik mit den Fans zu teilen. Das Fanzine beinhaltete auch eine CD mit ein paar Tracks drauf.

Was beeinflusst euch am meisten wenn ihr ein Lied schreibt?

Tom: Meistens schreiben wir aus einem Gefühl heraus. Die letzte Platte haben wir im Sommer aufgenommen, und es war ein wirklich wunderschöner Sommer. Es hat irgendwie noch etwas Farbe zum Blues addiert.

Joshua: Ich denke, dass es auch Winter hätte sein können, und die Platte wär‘ schlussendlich gleich rausgekommen. Das ist einfach so. Du spielst etwas und es fesselt dich auf die richtige Art und Weise.

Tom: Es ist fast so, als ob du versuchst, dich selbst in eine Stimmung zu versetzen und die Musik hilft dir dabei.

Eure Musik erinnert mich teils stark an Joy Division. Haben sie euch beeinflusst?

Tom: Nein

Nein?

Tom: Also, ich kann nachvollziehen, warum du das sagst, aber wir waren ziemlich überrascht, als diese Assoziation in letzter Zeit immer häufiger aufkam. Wir wollten uns eigentlich von dem distanzieren, irgendwie so wie sie zu klingen. Es gibt unzählige Bands, die genau wie Joy Division klingen.

Joshua: Ich finde, wir klingen wie The Chameleons!

Ian Curtis (Anm. D. Red. Sänger von Joy Division) hat sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere umgebracht. Was denkt ihr darüber?

Tom: So gesehen, war er ein unglücklicher Depp, der sich zum falschen Zeitpunkt das Leben nahm.

Joshua: Aber er hatte ja auch psychische Probleme. Er war in zwei Frauen verliebt, mit der einen hatte er sogar ein kleines Kind. Ich glaube, das ist ziemlich schwer für einen Mann. Und wenn man „New Order“ betrachtet, war Ian wirklich an der Spitze seiner Karriere?

Wenn ihr eure Musik mit einem Buchgenre vergleichen könntet, was für eins wär’s?

Tom: Das ist eine schöne Frage! Ich würd‘ sagen, irgendein Fantasy-Schinken.

Joshua: Ich weiss nicht, ob ich das als Genre bezeichnen kann, aber ich würde sagen „Magischer Realismus“. Was ich daran wirklich mag, ist, dass es eigentlich das normale Leben ist, aber mit speziellen Ecken und Kanten. Ich glaube, so könnte man unsere Musik beschreiben.

Und was für Musik hört ihr?

Tom: Alles.

Joshua: Wir denken, es gibt in jeder Sparte gute Musik.

Selbst Schlager?

Tom: Schlager? Ja, Schlager! Wenn die ältere Generation anfängt zu schunkeln!

Joshua: Aha.

Tom: Ja, ich finde es wirklich gut!

Joshua: Ich hab mir letztens eine ziemlich coole Platte mit englischen Pubsongs darauf gekauft. Die ist echt der Wahnsinn!

Gibt es ein Album, von dem ihr euch wünscht, ihr hättet es gemacht?

Joshua: Ich hätt‘ gern so was wie „Different Trains“ von Steve Reich gemacht. Das bringt dich echt zum Heulen.

Was für einen Rat würdet ihr einer jungen Band geben, die den Durchbruch schaffen will?

Joshua: Um erfolgreich zu werden, musst du ziemlich schlau sein und gute Kontakte haben. Aber man sollte nicht mit dem Gedanken rangehen, dass man Geld machen will. Weil heutzutage macht man das nicht mehr wirklich. Aber du tust einfach das, was du wirklich liebst.

Tom: Keine Kompromisse eingehen! That’s a good one!

Wenn ihr heute die Journalisten wärt, was würdet ihr euch fragen?

Joshua: Wenn du in eine erfolgreichere Band gehen könntest, wärst du immer noch in der Band, in der du jetzt bist?

Tom: Oder: Was machte den Ausschlag, dass dir Musik wirklich am Herzen liegt?

Also, was machte den Ausschlag, dass euch nun Musik am Herzen liegt?

Tom: Hey, das ist Betrug. ‚Tschuldigung!

Also?

Tom: Wahrscheinlich, als ich in der Schulzeit angefangen habe, magic mushrooms zu nehmen. Das hat mich wirklich tief beeinträchtigt. Nein, ich hab einfach gemerkt, dass ich nichts anderes machen will ausser Musik!

Wie lange braucht ihr, um euch zu frisieren?

Tom: Wie lange es geht, das Horrors-Hairdo hinzukriegen? Alles in allem 30 Sekunden.

So wenig? Wow, ich bin beeindruckt!

Joshua: Ja, und es hilft, wenig zu schlafen!

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