Gesellschaft | 30.11.2009

„Hunger ist die ultimative Energiekrise“

Text von Laura Kissling
Habt ihr schon einmal von den Milleniums-Entwicklungszielen (MDGs) gehört? Falls nicht, solltet ihr den 28. November dick im Kalender anstreichen. Dies ist unsere Chance, etwas zur Weltverbesserung beizutragen. Wie? Das wurde den Besuchern vergangenen Samstag am 2. Nationalen Tag der MDGs erklärt.
In Rio de Janero leben insgesamt 30% der Bevölkerung, also 1,8 Mio. Menschen, in sogenannten Favelas. Fotos: Laura Kissling Fabian und Raffael machten auf den Kinderhandel aufmerksam. Eine Gruppe junger Schüler trug ihr eigens komponiertes Lied "Mach d Auge uf" vor. Zu deren Freude hört auch Micheline Calmy-Rey aufmerksam zu. Mittels Menükarten mit Reis als einziges Menü wurde auf die Mangelernährung aufmerksam gemacht. Patrick Rohr im Gespöch mit CMDG-Geschäftsleiterin Sonja Ribi. Micheline Calmy-Rey während ihrer Rede. Einen Teil des Vortrags von Dr. Daniele Ganser. Dr. Daniele Ganser im Gespräch mit Patrick Rohr. Patrick Rohr im Gespräch mit Jugendlichen die über ihre Aktionen erzählen. Die Jugendlichen posieren zum Schluss fürs Gruppenfoto und erhalten ein kleines Präsent als Dank für ihr Engagement.

Doch was hat es denn damit genau auf sich? Im September 2000 trafen sich rund 150 Staats- und Regierungschefs, um die wichtigsten Herausforderungen der Vereinten Nationen in den kommenden Jahrzehnten zu erörtern und die Rolle als Weltorganisation im 21. Jahrhundert festzulegen. Dabei entstanden acht Milleniums-Entwicklungsziele, die bis im Jahre 2015 erreicht werden sollen:

1. Bekämpfung von extremer Armut und Hunger

2. Primarschulbildung für alle

3. Gleichstellung der Geschlechter und Stärkung der Rolle der Frau

4. Senkung der Kindersterblichkeit

5. Verbesserung der Gesundheitsversorgung der Mütter

6. Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen schweren Krankheiten

7. Ökologische Nachhaltigkeit

8. Aufbau einer globalen Partnerschaft für Entwicklung

Wie wir uns alle vorstellen können, sind solche Ziele recht schnell festgelegt, doch die Umsetzung ist der Schwerpunkt einer solchen Aufgabe. Mit dem Nationalen Tag der MDGs versucht das „Centre of Millenium Development Goals“ dieses Jahr bereits zum zweiten Mal, an diese Ziele zu erinnern und sie so vielen Menschen wie möglich bekannt zu machen. Der Nationale Tag soll ein Zeichen setzen für die Dringlichkeit, mit der die Umsetzung der MDGs angegangen werden muss. Geschäftsleiterin Sonja Ribi bringt es auf den Punkt: „Diese acht Ziele könnten Millionen von Menschen aus extremer Armut und Not befreien. Aber das kann nur gelingen, wenn eine informierte Öffentlichkeit sich sozial, wirtschaftlich und politisch dafür einsetzt“.

Hautnah miterleben

Neugierig begab ich mich also am Samstagnachmittag zum Theater Basel – wo mir gleich ein ungewöhnliches Angebot gemacht wurde. Zwei Schüler wollten wissen, ob ich denn Interesse hätte, ein Kind zu kaufen, Lieferzeit zwei Tage, Preise je nach Land unterschiedlich. Überrascht, aber gleichzeitig interessiert hörte ich mir alle Informationen an und zog weiter. Ein paar Meter weiter wurde mir ein Glas Wein angeboten, beim Einschenken wurde dann schnell klar, dass es sich beim Inhalt um schmutziges Wasser handelte. Mit solchen und weiteren Aktionen informierten an diesem Tag rund 130 Schüler über die aktuellen Probleme unserer Welt. Ob mit einem AIDS-Graffiti, einem eigens komponierten Song oder mit provokanten Auftritten als Teenager-Mütter, die Aktionen waren äusserst kreativ und beeindruckend. Nach rund 30 Minuten wurde dann der zweite Teil dieses „Info-Tages“ eröffnet und etwa 1’000 Besucher füllten die Eingangshalle des Theater Basel.

Moderiert wurde der Anlass von Patrick Rohr, der mit seiner lockeren Art gekonnt durch das Programm führte. Gleich zu Beginn durfte sich das Publikum über den angekündigten Besuch von Micheline Calmy-Rey freuen. Sie betonte die Rolle der Schweiz bei der Gestaltung von entwicklungsförderlichen Rahmenbedingungen und fügte hinzu: „Die MDGs sind auch für die Schweiz ein Meilenstein. Unsere Entwicklungszusammenarbeit trägt zur Erreichung der MDGs in ausgewählten Schwerpunktländern bei.“ Äusserst interessiert verfolgte das Publikum die Rede der Bundesrätin, doch vermochte sie mich keineswegs so überzeugen, wie der anschliessende Höhepunkt dieses Tages. Dr. Daniele Ganser, Historiker und Friedensforscher, hielt ein Referat mit dem Thema „Hunger ist die ultimative Energiekrise“. Mittels eindrücklichen Bildern und klaren Worten schaffte er es, ein schweres Thema zugänglich zu machen, er half, es zu verstehen und anschliessend darüber nachzudenken. Er machte dann auch deutlich, was vielen von uns oft nicht bewusst ist: „Hunger ist die ultimative Energiekrise, und nicht, wenn der Liter Diesel zwei oder drei Franken an der Tankstelle kostet“.

Bedrückt und beeindruckt

Selten hat mich ein Referat so beeindruckt und es schien nicht nur mir so zu gehen. Mit lang anhaltendem Applaus dankte das begeisterte Publikum dem Redner und man konnte spüren, dass die Menge ihm noch weitaus länger zugehört hätte. Neben einem Kurzfilm zum Thema „Wasser“ sowie musikalischer Begleitung durch das „David Klein Sextett“ gehörten am Schluss dann aber auch Interviews mit den engagierten Schülern zum Programm. Mit einer Verlängerung von rund einer Stunde ging der Anlass um 17.30 Uhr zu Ende. Ich machte mich beeindruckt und zugleich bedrückt auf den Nachhause-Weg. Einmal mehr ist mir klar geworden, dass wir weltweit weitaus grössere Probleme haben als wir hier in der Schweiz zu spüren kriegen, dass wir uns mehr engagieren müssen, dass wir helfen müssen. Ich fühle mich bedrückt, aber auch informiert und aufgeklärt und alleine dadurch bereit, für die Milleniums-Entwicklungsziele zu kämpfen.