Gesellschaft | 30.11.2009

Hochzeit einmal anders

Text von Malte Vogt | Bilder von www.stockvault.net
In Taiwan wird gleich mehrmals geheiratet, für Freunde, Bekannte, für die Kirche. An Aufwand wird dabei nicht gespart. Malte Vogt konnte sich während seines Taiwan-Aufenthalts selbst davon überzeugen.
Auch in Taiwan wird in Brautkleid und Anzug geheiratet.
Bild: www.stockvault.net

Etwas gespannt stehe ich vor dem Spiegel im Fahrstuhl und kontrolliere noch ein Mal, ob mein Hemdkragen richtig gefaltet ist und meine Haare wild genug verstrubbelt sind. Es ist schliesslich ein wichtiger Anlass, eine Hochzeit, und da will ich ordentlich aussehen, auch wenn es nicht meine eigene ist, sondern ich von einer Arbeitskollegin eingeladen worden bin.  Die Türe öffnet sich und ich trete in eine rot-golden glänzende Eingangshalle eines sicherlich nicht ganz günstigen Restaurants.

Warten aufs Brautpaar

Wir werden freundlichst begrüsst und dann von einer schlanken, ganz in weiss gekleideten jungen Dame zu unseren Plätzen geführt. Der Raum erstrahlt in einer Mischung aus den Farben Gold, Rosa und Lila  und auf den grossen runden Tischen sind dicke, dazu passende Blumensträusse aufgestellt worden, die aber später entfernt werden, damit das Essen seinen Platz findet.

Die Gespräche der Gäste vermischen sich mit den Klängen der im Hintergrund laufenden Musik und an der Wand hinter dem Tisch, an dem das junge Paar sitzen wird, läuft eine Diashow mit Bildern aus der Jugendzeit der Braut und des Bräutigams ab.

Dann verdunkelt sich das Licht und das Paar betritt den Saal. Beide modern im westlichen Stil gekleidet. Sie in weissem Brautkleid mit langer Schleppe, er im Schwarzen Anzug und Krawatte.

Heiraten für die Bekannten

Nachdem sie sich gesetzt haben, werden die ersten Speisen aufgetischt. Von Hummer, über Tiefseefisch bis zu im Lotusblatt gedämpftem Reis. Zum Schluss werden es zehn verschiedene Gerichte gewesen sein. Während ich ein Gericht nach dem anderen entdecke, müssen Braut und Bräutigam immer wieder auf die Bühne und sich den nicht ganz ernst gemeinten Gedichten, Reden und Spielen der Verwandtschaft  stellen. Und zweimal verschwindet das Paar für einen Augenblick ganz aus dem Saal, um dann mit der Braut in einem anderen noch edleren und schönerem Kleid zurück zu kommen.

Diese Tradition reicht noch von früher her, als die Braut noch zeigen musste, dass sie eine gute Ehefrau sein wird. Zudem musste sie sich damals bescheiden, scheu und zurückhaltend geben, was heute allenfalls nur noch auf dem Land so ist. Die Stimmung ist fröhlich, es wird viel gelacht und Wein getrunken und während ich die gerade eben aufgetischten Früchte begutachte, erfahre ich, dass dies die zweite Hochzeitsfeier ist und  man vergangene Woche schon ein Fest für die Freunde des Bräutigams veranstaltet hat. Man heiratet in Taiwan ja nicht nur für sich, sondern auch für Verwandte, Freunde und Kollegen.

Kirchlich getraut hingegen wird man auch in Taiwan nur einmal. Zu diesem Anlass sind aber nur wirklich enge Freunde eingeladen. Und nach zwei Stunden ist plötzlich alles vorbei, die frisch Verheirateten stehen am Eingang des Saales, bedanken sich bei den Gästen und geben jedem noch ein liebevoll verpacktes Stück Schokolade mit auf den Weg. Und dann verrät mir der Bräutigam noch das Geheimnis, wohin sie in die Flitterwochen fahren werden, nämlich in die Schweiz.

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