Gesellschaft | 16.11.2009

„Es ist schwer, Gefühle zu erkennen“

Die Fremde lockt mit tausend säuselnden Zungen, betörenden Gerüchen und geheimnisvollen Geschichten - und sie hat mich ein weiteres Mal entführt. Eine Nachricht aus Sibirien.
Bild: Marina Häusermann

Es war ein sonniger Spätsommertag, als ich Irkutsk erreichte, und die angenehme Wärme zerstörte sogleich mein klischiertes Bild von der ewigen sibirischen Kälte. Nur wenige Tage nach meiner Maturafeier bin ich Richtung Osten geflogen. Mein Fernweh hat mich zu einem weiteren Sprachaufenthalt verführt, möglichst weit weg, möglichst wild, möglichst ungewöhnlich. Sibirien also.

Kampf gegen Sprachlosigkeit

Nun bin ich schon über zwei Monate hier und habe mich bestens eingelebt. Der Alltag hat sich langsam aber stetig mit Gewohnheiten und Terminen gefüllt. Russisch ist eine schwierigere Sprache, als ich erwartet habe, obwohl ich während meiner Schulzeit bereits einige Freifachstunden besucht habe. Immer wieder kämpfe ich verzweifelt gegen die Sprachlosigkeit, meine eigene, und die der anderen. Ich versuche auf andere Sprachen auszuweichen, aber meine Gegenüber bleiben wortlos. Immer nur Russisch – ich muss noch viel lernen.

Sucht nach der Fremde

Natürlich hätte ich an andere Orte gehen können, vielleicht wäre es einfacher gewesen. Aber gerade deshalb bin ich hier, weil so wenige andere es tun würden. Es ist eine seltsame Liebe zum absolut Unbekannten, eine Sucht nach der Fremde, eine Suche nach den verschiedenen Gesichtern dieser Welt, die mich hergetrieben haben. Ich koste das Erstaunen und die stumme Bewunderung der Leute aus, ich, alleine in Sibirien, und so jung.

Irkutsk liegt nahe am Baikalsee und unweit der Mongolischen Grenze. Bei ausländischen Touristen besetzt die Stadt nach Moskau und Sankt Petersburg den erstaunenlichen dritten Platz. In den Sommermonaten strömen Leute aus der ganzen Welt hierher, um die unglaubliche Schönheit des Baikals mit eigenen Augen zu sehen und zu geniessen. Es ist demnach eine touristengewöhnte Stadt, wie man hier zu sagen pflegt. Obwohl ich das nur selten bemerke, im Volkskundemuseum sind zumindest im ersten Stock englische Übersetzungen an die Vitrinen geklebt.

Russische Mentalität

Mittlerweile ist es ziemlich kalt geworden, die Temperatur sinkt bereits auf minus 20 Grad. Es liegt ein bisschen Schnee. Natürlich habe ich mich nicht nur entschieden, in die Weiten Sibiriens zu fahren, sondern dazu noch im Herbst und Winter. Ich kann nachvollziehen, dass viele Menschen das nicht verstehen. Und doch ist es unglaublich bereichernd hier zu sein, mit jedem Tag lerne ich neue Wörter, tauche ich weiter ein in die russische Mentalität.

Die Gegend hat die Menschen verhärtet, sie sind rau und harsch und scheinen die Unberechenbarkeit des Wetters zu widerspiegeln. Es fällt mir schwer, in ihren Zügen Gefühle zu lesen. Sie sind verschlossen und unnahbar – solange man sie nicht kennt. Manchmal aber wird der Bann gebrochen, werden die Verständigungsprobleme überwunden. Dann komme ich in den Genuss der russischen Gastfreundschaft, die Tassen werden mit Tee und die Gläser mit Vodka gefüllt, Gespräche breiten sich aus wie Netze und verästeln sich. Dann tut sich eine neue weite Welt auf, in der es unendlich viel zu erkunden gibt.

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