Gesellschaft | 09.11.2009

Eine Insel voller Gefahren

Text von Malte Vogt | Bilder von Melanie Tong
Abseits der asphaltierten Strassen lauern überall Gefahren - so denken jedenfalls die Taiwanesen. Abenteuer im Wald sucht man hier vergebens.
Tiger wie diesen hier aus dem Zürich Zoo kann man in Taiwan lange suchen.
Bild: Melanie Tong

Taiwan ist eine faszinierende Insel. Wenn ich morgens mit dem Fahrrad durch die Strassen flitze, die schlechte Luft mit jedem Atemzug in mir aufnehme und mich frage, wann das wohl seine Auswirkungen haben wird, kann ich mir nur schwer vorstellen, dass sich hinter diesem grauen Dunst am Horizont wunderschöne Berglandschaften verstecken.

Natürlich wurden mir schon unzählige Prospekte und Reiseführer in die Hand gedrückt, in denen traumhafte Berghänge und Wasserfälle zu sehen sind, aber diese auch wirklich zu besichtigen, ist wieder etwas anderes.

So weiss man hier in Taiwan, dass in den friedlichen Seen und tief im Innern der im Nebel versunkenen Wälder so einige Gefahren lauern. Damit ich diese wundersame Welt aber trotzdem kennen lerne, ohne mein Leben zu riskieren, fahre ich mit meiner Gastfamilie so manches Wochenende auf Entdeckungstour. Auf diese Weise erfahre ich nicht nur viel über die Flora und Fauna Taiwans, sondern auch viel über die Taiwanesen selber.

„It’s dangerous“

Und so lerne ich schnell, dass ein Affe von 30 Zentimetern Körpergrösse in den Augen der Taiwanesen schon ein gefährliches Raubtier ist, das nur darauf wartet, einem grausamste Schmerzen zuzufügen. Und eine Wanderung in die Berge ist ein kleiner Spaziergang auf asphaltierten Strassen, der ohne grössere Anstrengungen auch in Flip Flops bewältigt werden kann, was zu meinem stillen Vergnügen meine Host-Familie nicht davon abhält, Wanderschuhe zu tragen.

Und wenn ich einmal – ganz in Gedanken versunken, beeindruckt von den Palmen, Mangobäumen und Lianen – durch den Wald laufe und doch zufällig vom Weg abkomme, ist es die Stimme meiner Host-Mutter, die mich zurück in die Realität und damit zurück auf den Weg ruft. Ihrer Stimme nach zu urteilen hätte es sich mindestens um einen kleinen Tiger handeln müssen, der sich gerade an mich heran schleichen wollte, doch leider ist dem nicht so und der Grund ihrer Aufregung ist lediglich: „It’s dangerous“. Zu schade, aber ich weiss ja, dass es in Taiwan keine Tiger gibt.

Grundsätzlich gilt in Taiwan, dass alles, was natürlich auch gefährlich ist, aber warum weiss keiner. Meine Vorstellung, einmal abseits der Wege durch den Wald zu stiefeln, mich von Schlangen beissen zu lassen, mich von unbekannten Beeren zu ernähren und mich im dornigem Gestrüpp zu verfangen, stösst hier nur auf verständnisloses Kopfschütteln. Warum sollte man sich freiwillig in so genannte Gefahr begeben, wenn es doch überall diese wunderschön hässlichen Wege gibt, die einen sicher durch die Landschaft führen? Für mich persönlich sind diese Wege schon Grund genug, abseits von ihnen zu gehen.

Aber ich bin ja erst 21 und damit in Taiwan noch recht jung. Keine Diskussion also, es ist und bleibt dangerous! Warum dann aber keiner etwas sagt, wenn ich abends auf meinem Fahrrad ohne Licht mit den Rollern um die Wette nach Hause fahre, ist mir ein Rätsel. Und auf die möglichen Folgen der Autoabgase, hinter denen sich Tiger und Co verstecken, hat mich noch keiner hingewiesen.

Info


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