Politik | 23.11.2009

Die Stimme aus dem Kopfhörer

Text von David Naef
Italienisch, Französisch, Deutsch: An der Jugendsession diskutierten Jugendliche mit unterschiedlichen Meinungen und in unterschiedlichen Sprachen. Dafür, dass im Plenum über die Landessprachen hinweg debattiert werden konnte, sorgte Dolmetscherin Laura Wieser.
Dolmetscherin Laura Wieser arbeitet hoch konzentriert. Fotos: Raphael Hünerfauth "Nach einer halben Stunde lässt die Konzentration nach."

Vor der Fensterfront stehen Pult, Bürostühle, Laptops, Mikrofon und Kopfhörer. Alles, was eine Übersetzerin zum Arbeiten braucht. Laura Wieser, eine von sechs Dolmetschenden an der Jugendsession, sitzt auf einem Stuhl und beobachtet durch die Glasscheibe die jungen Politikerinnen und Politiker im Nationalratssaal. Sie erholen sich gerade von einer hitzigen Debatte zur Sterbehilfe. Es sei anders, an der Jugendsession zu übersetzen, erklärt die Frau mit grauen Haaren und lächelt: „Im Plenum der Jugendsession fällt eine gewisse Routine weg, die sich bei anderen Konferenzen eingespielt hat. Jugendliche lesen während den Sitzungen weder Zeitung, noch spielen sie am Computer. Sie sind motiviert und beteiligen sich engagiert an der Diskussion.“  

Jugendsession gehört zum Besten

Die Dolmetscherin zählt die Jugendsession sogleich auch zu den positivsten Erfahrungen in ihrer beruflichen Karriere: „Es ist erfrischend, für Jugendliche, die so aktiv mitarbeiten, zu übersetzen. Ausserdem sind die Feedbacks der Organisatoren bisher immer positiv ausgefallen.“ Natürlich bekommt Laura Wieser auch ausserhalb des Arbeitsraums Rückmeldungen. Besonders, wenn sie sich mit ihren Zuhörern im selben Raum befindet, fehlt es nicht an Echos.  

Schlafen erlaubt!

Die Jungpolitikerinnen und Jungpolitiker haben sich wieder im Saal eingefunden und die Debatte wird fortgesetzt. Ruhe ist jetzt das höchste Gebot in den Büroräumen der Dolmetscherinnen und Dolmetscher. Jedes Geräusch kann die Aufmerksamkeit und somit auch die Übersetzung beinträchtigen. Wieser tauscht nach dreissig Minuten den Platz am Mikrofon mit einer Kollegin: „Bereits nach einer halben Stunde lässt die Konzentration nach. Länger zu übersetzen wäre sinnlos.“ In den Pausen ruhen sich alle aus, wie es ihnen am wohlsten ist, erzählt sie und lacht: „Einige schlafen, andere hören einfach zu oder spielen am Computer“.      

Männerwitze gehören dazu

Dolmetschen ist besonders für Frauen nicht immer einfach. „Bei vielen Sitzungen sind oft nur Männer anwesend, da fällt auch mal ein Witz unter der Gürtellinie. Am Anfang habe ich mich geweigert, solche Männerwitze zu übersetzen. Sie sind scheusslich“, sagt Laura Wieser mit ernster Mine. Auch sonst ist Übersetzen kein Zuckerschlecken: „Es ist demotivierend, wenn man von Zuhörern das Gefühl vermittelt bekommt, nicht gefragt zu sein.“ Lesen in den Gesichtern könne sie zwar nicht, aber man merke, wenn die Zuhörer etwas verstanden haben. Schöne Momente seien beispielsweise, wenn auch Italienischsprechende ab einem deutschen Witz lachen können.  

Obwohl man als Übersetzerin nicht durch die Welt reist und ein Land nach dem anderen besucht, wie es sich vielleicht viele vorstellen, ist der Job abwechslungsreich: „Ich bin bisher mit den unterschiedlichsten Gebieten in Kontakt gekommen. Von Politik über Bankwirtschaft bis hin zur Medizin. Das gestaltet meine Arbeit besonders spannend“.

Laura Wieser hofft, auch nächstes Jahr wieder an der Jugendsession mit von der Partie zu sein. Ihre Motivation ist spürbar. Während die Jugendlichen unten weiter politisieren, setzt sie sich ans Mikrofon und übersetzt, fast unbemerkt, vom Deutschen ins Italienische.