Kultur | 23.11.2009

Die dunkle Seite der Menschheit

Der Film Tannöd basiert auf einem realen Mordfall in den Wäldern von Bayern. Tink.ch sprach mit Regisseurin Bettina Oberli über die Dreharbeiten, den Tod der Darstellerin Monica Bleibtreu und weshalb alle Menschen schlecht sein können.
Julia Jentsch übernimmt in Tannöd die Rolle der passiven Beobachterin.
Bild: PD "Menschliche Verhaltensweisen finde ich interessant und erforschenswert": Bettina Oberli. Stefanie Pfändler Andrea Maria Schenkels Erfolgsroman lieferte die Vorlage für den Film. PD Regisseurin Bettina Oberli (geb. 1972 in Interlaken) lebt mit ihrem Lebenspartner in Zürich Wiedikon und hat zwei Kinder. Stefanie Pfändler

Tannöd basiert auf dem gleichnamigen Bestseller-Roman von Andrea Maria Schenkel. Das Buch beschreibt eine vielzahl komplizierter Charaktere. Wie adaptiert man das für einen Film?

Bettina Oberli: Wir haben auf viele Figuren verzichtet und nicht versucht, dieses Epos detailgetreu zu verfilmen. Der Film ist sehr viel dünner. Er spielt am Tag des Mordes und zwei Jahre danach, als die Bewohner immer noch versuchen, dieses schreckliche Erlebnis zu verdrängen. Im Buch erzählt jede Figur einzeln ihre Sicht des Mordes. Das konnten wir so nicht verfilmen und so nahmen wir uns die Freiheit für etwas Neues.

Die Hauptrolle von Julia Jentsch wurde beispielsweise dazu gedichtet.

Im Roman wurde sie im ersten Kapitel ganz kurz erwähnt. Sie spielt danach aber keine Rolle mehr. Im Film spielt sie eine Beobachter-Figur, die trotz ihrer Passivität eine wichtige Rolle spielt.

In Ihren Filmen spielen psychologische Aspekte eine wichtige Rolle. Was fasziniert Sie an psychologischen Fragen?

Mich interessieren menschliche Verhaltensweisen. Ich finde das sehr erforschenswert.

Wie gehen Sie dabei vor?

Es ist eine Mischung von Selbsterlebtem und Dingen, die ich mir ausgedacht habe. Es gibt auch gewisse Grundmuster in der Dramaturgie und bei den Charakterzeichungen. Ich versuche diese mit Empahie aufzuspüren und nachzuzeichnen. Vieles geschieht intuitiv.

Erheben Sie mit „Tannöd“ einen moralischen Anspruch?

Es ist ein Film, der sich mit moralischen Fragen befasst. Es sollte aber kein missionarischer Film werden.

Ist der Film ein Statement für mehr Zivilcourage?

Das ist immer etwas schwierig. Wenn man sich als moralische Instanz aufführt, erhebt man sich über die anderen. Doch so ungeheuer und fürchterlich der Film auch ist, ich könnte mich selber davon nicht ausschliessen und einfach so auf die gute Seite stellen. Ich weiss nicht, wie ich mich in dieser Situation verhalten hätte.

Versetzen Sie sich selbst in den Fall vom Tannöd. Welche Rolle hätten sie dabei gemäss eigener Einschätzung gespielt?

Als Frau hätte ich wahrscheinlich nicht viel zu sagen gehabt. Vielleicht wäre ich geflüchtet. Der Fall Tannöd wie Sie ihn darstellen ist auch eine zeitlose und ortsunabhängige Metapher für die schrecklichen Auswüchse unserer Gesellschaft.

Könnte der Film auch in einem afrikanischen Dörfchen spielen?

In einem afrikanischen Dorf wahrscheinlich nicht. Aber in einem Schweizer Bergdorf oder amerikanischem Provinznest, wo ähnliche gesellschaftliche Strukturen herrschen.

Verwenden wir „Tannöd“ als Spiegel der Gesellschaft: Zeichnet der Film nicht ein sehr pessimistisches Bild einer Menschheit, die sich gegenseitig abschlachtet und von Inzest und Intrigen geprägt ist?

„Tannöd“ ist ein genauer Blick auf die dunkle Seite des Menschen. Er stellt dar, dass er unter gewissen Umständen in seinen Verhaltensweisen gefährlich werden kann. Wenn man sich damit auseinandersetzt, ist das keine pessimistische Erkenntnis.

Sie arbeiteten mehr als zwei Jahre an diesem dunklen Epos. Färbte die bedrückte Stimmung auch auf ihr Gemüt ab?

Es war eher physisch sehr anstrengend, weil sich die Dreharbeiten von acht Wochen auf sieben Monate erstreckten (Anm. D. Red. Starker Schneefall verhinderten die Dreharbeiten). Wir mussten immer wieder die Energie aufbringen, nochmals dahinzugehen und weiterzudrehen.


Monica Bleibtreu starb unmittelbar nach den Dreharbeiten. Sie mussten den Film dann noch zu Ende schneiden. Wie fühlte es sich an, eine verstorbene Kollegin auf dem Bildschirm zu sehen?

Das war für mich sehr abstrakt. Sie war während dem Dreh meine ständige Begleiterin und wir freundeten uns an. Sie war eine sehr resolute und warmherzige Person. Es war schmerzhaft, sie auf dem Bildschirm zu sehen, aber es hatte auch etwas Tröstliches: Sie spielt eine starke Rolle in diesem Film und hat sich sehr in ihre Rolle eingebracht. Ich finde es schön, dass sie sich für ihre letzte Rolle derart engagieren konnte.

Wäre Ihre Karriere ohne den Erfolg von „Die Herbstzeitlosen“ anders verlaufen?

Ja und nein. Das Angebot für Tannöd bekam ich aufgrund meines Erstfilms „Im Nordwind“. Andererseits vereinfachte der Erfolg von „Die Herbstzeitlosen“ die Suche nach Investoren.

Weshalb war „Die Herbstzeitlosen“ so erfolgreich?

Der Film erscheint im Vergleich zu „Tannöd“ ziemlich unspektakulär. Vieles erschien den Zuschauern vertraut: Etwa Stephanie Glaser als Schweizer Identifikationsfigur oder das urchige Emmental, das sehr authentisch erscheint. Zudem befasst sich der Film mit dem beliebten Motiv von „Wenn ich etwas unbedingt will, dann erreiche ich es auch“. Das kommt beim Publikum meistens gut an. „Tannöd“ ist genau das Gegenteil: Die Protagonisten können noch so viel beten, es ändert sich nichts.

Die beiden Filme unterscheiden sich objektiv. Gibt es nicht auch viele Gemeinsamkeiten?

Es ist die sozusagen die Gegenthese zu „Die Herbstzeitlosen“. Die dunkle Seite vom Land.

War in „Die Herbstzeitlosen“ diese sogenannte dunkle Seite des Landes nicht auch schon spüren. Der ganze Neid und die Missgunst?

Es geht in beiden Filmen um Gemeinschaft und wie das Individuum innerhalb dieser Gemeinschaft funktioniert. Wird es geliebt, ausgestossen oder verurteilt? Es geht um die Suche nach der Verwurzelung und um die Sehnsucht nach dem Weggehen. Ich glaube, das ist etwas, das Leute vom Land sehr stark in sich tragen.


Haben Sie Angst, dass „Tannöd“ floppt?

Der Film war schon ein grösseres Wagnis. Ich wollte mich auch etwas vom Erfolgsdruck befreien, indem ich nicht nochmals einen Film im Stil von „Die Herbstzeitlosen“ drehte. Unser Glück ist, dass Tannöd auf einer Romanvorlage basiert, die sehr erfolgreich war und wir alleine dadurch ein gewisses Publikum erreichen. Aber man kann nie wissen, wie sich ein Film entwickelt. Der Erfolg von „Die Herbstzeitlosen“ kam damals sehr überraschend. Aber „Tannöd“ wird es bei den Massen schwerer haben, weil er sperriger ist.


Es gibt auch Filme, die international erfolgreich sind, obwohl sie sperrig sind und sich mit heiklen Gesellschaftsfragen auseinandersetzen. Zum Beispiel Lars von Triers „Dogville“.

Man muss sich bewusst sein, wer dieser Regisseur ist. Lars von Trier hat schon unzählige Filme gemacht, bevor er Erfolg hatte. Davon bin ich noch weit entfernt. Man muss als Regisseur reifen können und es darf nicht schon früh zuviel erwartet werden.

Werden Sie als Regisseurin in die „Herbstzeitlosen-Schublade“ gesteckt?

Falls ich das Glück habe und in 20 Jahren immer noch Filme mache, dann werde ich mit grosser Wahrscheinlichkeit diejenige sein, die den Film „Die Herbstzeitlosen“ drehte. Das stört mich nicht. Ich kann nur dankbar sein für den Erfolg, der mir vieles ermöglichte.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Eine melancholische Tagikomödie mit Stephanie Glaser und verschiedene Projekte in Deutschland, die sich nun ergaben. Druch die Arbeit in Deutschland öffneten sich neue Wege. Der Schweiz möchte ich aber weiterhin treu bleiben.