Kultur | 23.11.2009

Dem Unglück entgegen getanzt

Text von Céline Graf | Bilder von Philipp Zinniker
Die Spielfreude ist gross. Trotzdem ist im Musical "Sweet Charity" am Stadttheater Bern nur wenig Broadway zu spüren. Der Sixtiesbeat verklingt allzu rasch. Auch die Dramaturgie ist zu zaghaft, die Anspielungen sind oftmals zu oberflächlich, zu wenig Raum nehmen Tanz und Musik ein. Einzig die beiden Hauptdarsteller spielen hoch über die Wolkenkratzer hinaus.
Charity Hope Valentine (Vasiliki Roussi) und Oscar Linqist (Thomas Mathys ) sind ein "mutiges, kluges und bärenstarkes" Duo. Das Taxigirl träumt vom grossen Glück - und verliert. James Bond scheint es den Inszenierenden angetan zu haben.
Bild: Philipp Zinniker

Filmplakate säumen den Himmel. Unter Bonnie und Clyde, James Bond und Woody Allen träumt das Taxigirl Charity Hope Valentine vom grossen Glück und tänzelt gleichzeitig auf ihr Unglück zu. Denn es läuft nicht alles nach Drehbuch: das ersehnte Happyend bleibt aus. Stattdessen landet Charity buchstäblich im Wasser, hier im Wassergraben.

Doch Charity bleibt stets optimistisch, auch wenn sie immer wieder bitter enttäuscht wird. Denn das „unwissende und unglückliche Mädchen“ gerät dauernd an die falschen Männer, so Federico Fellini. So hält die Prostituierte in seinem düsteren Film „Le Notti di Cabiria“ (1957) unverbesserlich an der Idee der wahren Liebe fest – und fällt abermals auf die Nase.

Das Publikum dürstet aber, besonders in der Liebe, nach Happyends und Show. Fast ein Jahrzehnt später begeistert die pompös-glamouröse Musicaladaption von Fellinis Film am Broadway. Aus „Sweet Charity“ von Cy Coleman, Dorothy Fields und Neil Simon gehen Hits wie „Big Spender“ und „If they could see me now“ hervor. 1969 wird das Musical verfilmt und spielt seither auch auf allen Bühnen der Welt. 1995 bringt das Stadttheater Bern „Sweet Charity“ auf die Bühne, jetzt läuft es erneut.

Wie im Wohnkatalog

Die zierliche Vasiliki Roussi agiert darin in der Rolle der Charity wunderbar, jauchzt, staunt, leidet und scheitert, dass man ihr gleichzeitig alle Happyends der Welt und weitere Enttäuschungen wünscht. Jürgen Kirners Bühnenbild spielt räumlich mit diesen Höhen und Tiefen. So erklimmt Roussi leichtfüssig Gerüst, Spiegel oder Stuhl. Ebenso mühelos wechselt Co-Hauptdarsteller Thomas Mathys vom sonnenbebrillten Gauner zum italienischen Filmstar zum schüchternen Versicherungsangestellten Oscar Linquist. Vor Wolkenkratzern besingt Charity die Liebe zu diesen Männern, denn „ohne Liebe hat das Leben keinen Sinn“. Die schwarzweissen und pastellfarbenen Rechtecke erinnern allerdings eher an einen Wohnkatalog von Ikea als an New Yorks Strassenschluchten.  

Im „Hinterzimmer“ am Rand der Bühne befindet sich das Berner Symphonieorchester unter der Leitung von Michael Frei, das seiner wichtigen Rolle nicht ganz gewachsen ist. Die Musik ist zwar präzis, vermag jedoch nur selten mit den Dialogen zu interagieren oder sogar das Zepter zu übernehmen und die Handlung voranzutreiben. Wo sie eigentlich die Szenenwechsel kraftvoll überbrücken sollte, bleibt sie Kitt und leitet die Szenen nur sacht an. Einzelne Stimmungen werden immerhin musikalisch illustriert, farbiges Licht hilft aber nach. Chor und Ballet geben sich grosse Mühe, doch das Ballett tanzt oftmals zu wenig synchron und wirkt etwas farblos. Das Ensemble lässt im Raum trotz grosser Spielfreude eine Leere zurück. 

Ungleiches Paar harmoniert

Dabei wäre der typische Beat der Sixties ideal für packende Massentanz- und Singeinlagen. Die Inszenierung setzt stattdessen verbal und visuell auf humorige Anspielungen. Charity ruft „Ich weiss es noch nicht, ich geh mal nach oben“, während sie am Himmelbett empor klettert, und mausgraue Kirchengänger reissen sich wie im Film Hair die Kleider vom Leib. Die Inszenierung ist durchsetzt mit derartigen Anspielungen. Besonders oft grüsst James Bond, so tanzen in einer Bar namens „Casino Royale“ lauter Agentinnen und Agenten. Andere Tanzgirls tragen Star Wars Frisuren und Charity kocht einem Liebhaber Käsefondue. Den Bezug zur Moderne konnte Regisseurin Pascale Chevroton 2007 in „My Fair Lady“ deutlich origineller herstellen. Dort lässt sie die Protagonistin im Rapperslang sprechen.  

„Wechselfällen der Fügungen“, wie Charity ihren Lebenslauf nennt, vertraut die Dramaturgie wenig und lässt Robin Belfond in der Rolle des Schutzengels Schicksal spielen. Dass Belfond mehr aus der Rolle herausholen könnte, beweist er zum Schluss auf Charitys Junggesellinnenparty. In seiner Zweitrolle als schmieriger Clubbesitzer offenbart Belfond dort dessen weichen Kern mit einem herrlich emotionalen Abschiedslied, seufzt, Charity werde ihm fehlen.

Der „Zufall“ führt Charity und Oscar in einem Lift zusammen. Der geschickt konstruierte Aufzug gleitet täuschend echt gen oben, dabei bewegt sich in Wirklichkeit nur die Tür. Es ist einer der wenigen glanzvollen Momente des Abends. Roussi und Mathys harmonieren als ungleiches Paar, er ordentlich und schüchtern, sie impulsiv und selbstbewusst. Zusammen besiegen sie die Angst vor dem Fall. „Sie ziehen das Unglück ja förmlich an. Dagegen müssen Sie etwas unternehmen“, bemerkt Oscar. Und Charity ermuntert: „Wir sind mutig, klug und bärenstark“.

Infos zum Stück


"Sweet Charity" läuft noch bis im Mai 2009 am Stadttheater Bern. Die genauen Spieldaten findest du im Leporello Kalender.