Kultur | 23.11.2009

Buona sera, porca Miseria

Sass man neulich noch nicht im Millers Studio in Zürich bei "Caineriade", sollte man das im Dezember schleunigst nachholen. Die Sozialkritik des Ferruccio Cainero ist einzigartig komisch.
Cainero will wieder eine Vespa.
Bild: Antonia Mahlke / www.jugendfotos.de So musste er es jeweils anlassen. ferrucciocainero.ch

Alleine auf der Bühne stehend, neben sich bloss ein Stuhl, daran angelehnt seine akustische Gitarre und auf dem Boden stehend ein Fläschchen Wasser. Nüchtern wirkende Ingredienzien für eine zwei Mal 50-minütige Show. Im Falle von Ferruccio Cainero allerdings völlig ausreichend, wie sich noch zeigen sollte. Er versteht es, alleine durch seine vor Selbstironie triefenden Geschichten zu unterhalten. Stets beteuert er dabei, dass seine Erzählungen keinesfalls erfunden seien und er selbst alles „mehr oder weniger genau so“ erlebt habe. Und gäbe man sich diesbezüglich noch so skeptisch, früher oder später erläge wohl auch der letzte Mohikaner unter den Skeptikern der an Charme und Romantik kaum zu übertreffenden, fein und humorvoll dargebrachten Sozialkritik des Ferruccio Cainero.

Wachstum oder Fortschritt?

Papa, ich bin jetzt 16, alle haben einen Motorroller, ich will auch einen! Und so erzählt Cainero süffig, wie er sich aufmachte, seinem Sohn einen Motorroller zu kaufen. Der Händler habe ihm alle Modelle gezeigt, schön und gut und teuer, allesamt. Und, im Gegensatz zu früher, natürlich mit einer „elektronischen Starthilfe“ ausgestattet, was Papa Cainero nun gar nicht verstehen konnte. Da werfe die Industrie ein Produkt für gesunde, vor Kraft strotzende Jugendliche auf den Markt, stattet dieses mit einer „elektronischen Starthilfe“ aus, verlangt dafür mehr Geld und nennt das Ganze auch noch „Fortschritt“. Er selber, meinte Cainero dann lapidar, fahre ja nicht mehr Vespa sondern Auto. Und seit er sich nicht mehr stundenlang mit dem Kickstarter seiner Vespa abmühen müsse, sei seine Bauchwölbung immer mehr nach vorne gewachsen. Ob das denn nun besagter Fortschritt sei? Oder das Haus der Zukunft, entworfen von Bill Gates, das so intelligent sei, dass es automatisch den Hausbesitzer erkenne und ihm die Türe öffne. „Na toll, soweit sind wir schon“, meint Cainero, „wenn uns schon unsere Nachbaren nicht mehr erkennen, dann wenigsten noch unser Haus“.

Solche und noch viel mehr tragisch-komische Momente aus dem Leben machen die Geschichten Caineros zu dem, was sie sind: Geschichten und Spiegelbilder unserer selbst, die wir so oder in einer anderen Form vielleicht auch schon erleben durften und mussten. Da liegt wohl auch der Reiz in der Erzählkunst Caineros. Sein Programm ist keine einfache klamaukige Kabarettnummer sondern geht noch einen Schritt weiter für denjenigen, der sich wagt, mitzudenken. Und dann kann es passieren, dass einem das Lachen plötzlich unverhofft im Halse steckenbleibt. Doch keine Sorge, Ferruccio Cainero lässt einen schon nicht mit geschwollenem Hals nach Hause gehen. Dafür mit schön warmgewordenen Lachmuskeln und dem Gefühl im Bauch, dass man sich und das Leben besser nicht allzu ernst nehmen sollte.

P.S.: Tink.ch-Reporterin Jessica Hefti hat die Wette gegen ihre Schwester gewonnen. Sie musste lachen.

Info


Ferruccio Cainero tritt am Mittwoch, 16. Dezember im Millers Studio in Zürich auf. Der Eintritt kostet für Studenten 36 Franken.

Links