Politik | 23.11.2009

Bildungsfrei(-heit)

Text von Nora Jakob | Bilder von Johannes Dietschi
«Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut", steht auf den Transparenten, die Studenten und SchuÌ^ler bei einer Demonstration durch Köln tragen. Auch in vielen anderen deutschen Städten wie Hamburg, Berlin und Jena machen sie ihrem Unmut mit Trommeln undTrillerpfeifen Luft.
Die Forderungen an den deutschen Unis klingen ähnlich wie jene in Zürich. Die Solidarisierungswelle macht auch vor Landesgrenzen keinen Halt.
Bild: Johannes Dietschi

Es war der Internationale Studententag, an dem mehr als zehntausend Studenten in Deutschland auf die Strassen gingen, um ihrer Forderung nach besserer Bildung Nachdruck zu verleihen. Die Gründe für die Demonstrationen waren vielfältig. So forderten sie die Abschaffung von (Studien-) gebühren, eine Nachbesserung des Bachelor- und Mastersystems und die Verschulung der Studiengänge zu beenden. Die Studierenden protestieren in erster Linie gegen die Stofffülle und die Studienbedingungen im Bachelor, der in Deutschland wie auch in anderen Ländern im Zuge des Bologna-Prozesses eingeführt worden war Ziel dieses Prozesses war, eine europaweite Vergleichbarkeit des Studiums zu erreichen. Dafür wurden bestehende Magister- beziehungsweise Diplomstudiengänge abgeschafft und neue, um ein Jahr verkürzte, Studiengänge eingeführt. Nach Meinung der Bachelor-Studenten haben es jedoch viele Hochschulen nicht geschafft, die Studieninhalte auch den neuen kürzeren Studienzeiten anzupassen. Zu viel in zu wenig Zeit wird verlangt – Freiraum, um nebenbei Geld zu verdienen und sich anderweitig fortzubilden, bleibe nicht, so haben es einige Dozenten und Studenten kurz zusammengefasst.

Situation besser machen

Die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat mittlerweile angekündigt, das Bafög, die staatliche Unterstützung für deutsche Studenten und Schüler im In-und Ausland, zu erhöhen. Noch Anfang November hatte es die deutsche Bildungsministerin angelehnt, die Bafög-Sätze anzuheben. Auch der niedersächsische Wissenschaftsminister Lutz Stratmann (CDU) hat am Mittwoch gegenüber der in Oldenburg erscheinenden „Nordwest-Zeit“ angekündigt, dass es darum geht, „die Kleinteiligkeit der Studieninhalte aufzubrechen“. In Zukunft, so der CDU-Politiker, soll es vermehrt achtsemestrige Bachelor-Studiengänge geben. „Es wird nicht jeder Wunsch erfüllt werden können, aber besser machen können wir die Situation allemal“, sagte der thüringische Kultusminister Christoph Matschie (SPD). Er will deshalb einen Verwaltungskostenbeitrag in Höhe von 50 Euro pro Semester ab dem kommenden Frühjahr abschaffen.

An der thüringischen Friedrich-Schiller-Universität in Jena wird die Situation durch ein weiteres Problem verschärft: Es gibt zu wenig Wohnungen und immer mehr Studierende. Allein zum vergangenen Wintersemester haben 1000 Erstsemester mehr angefangen als im Jahr zuvor. Das kann unter anderem daran liegen, dass es in Jena keine Studiengebühren gibt. Dadurch wird die Universität natürlich zusätzlich attraktiv. Die, die dann – nach langer Suche – trotzdem eine Wohnung finden, haben Glück. Andere müssten, so Christin Penz vom Vorstand des Studierendenrates in Jena, auf andere Möglichkeiten ausweichen. Einige wohnen deshalb zeitweise auf Zeltplätzen oder in Hotels.

Zwei Tage nach Studienbeginn wird an vielen deutschen Universitäten noch immer gestreikt. In Jena sind derzeit noch zwei Hörsäle besetzt. Auch in Zukunft sind weitere Proteste geplant: Am 24. November soll im Zuge der Hochschulkonferenz in Leipzig und am 10. Dezember in Bonn zur Kultusministerkonferenz demonstriert werden.