Gesellschaft | 23.11.2009

Allgemeine Beunruhigung ohne Laborbestätigung

Text von Diana Berdnik | Bilder von Diana Berdnik
Zur Zeit symbolisiert sie das Böse unserer Gesellschaft: Die Gesichtsmaske. Millionen von Viren lauern dahinter und warten nur darauf, sich auf ihr nächstes Opfer zu stürzen. Aber nicht alle Passanten reagieren gleich auf die Maskenträger.
"Grunz oder nicht Grunz, das ist hier die Frage."
Bild: Diana Berdnik

Seit geraumer Zeit belästigten mich meine laufende Nase und ständiger Husten. Also beschloss ich, einen Arzt aufzusuchen. Bereits am Telefon erklärte mir die Praxisassistentin, dass ich dann vor der Türe warten und klingeln solle. Sie würde mir dann eine Maske bringen. So stand ich dann da und liess mir eine Gesichtsmaske anbinden. Danach wurde ich gebeten, die Hände zu desinfizieren. Anscheinend ist dieses Prozedere zur Zeit üblich, denn im Wartezimmer sassen drei weitere Patienten mit Gesichtsschutz, die mich angrinsten, als ich eintrat. Später kam eine Frau dazu, ohne Mundschutz! Am liebsten hätte ich spasseshalber gesagt: „Sie gehören hier nicht dazu!“ Aber ich liess es bleiben. Nicht einmal der Ärztin durfte ich die Hand schütteln.

Abschreckendes Accessoire

Der Untersuch verlief glatt und ich hatte Schwein, es war „nur“ eine Grippe. Aber die Laborresultate waren mir zum Zeitpunkt der Heimreise noch nicht bekannt. Also musste ich mit der Gesichtsmaske nach Hause fahren. Ich lief der Strasse entlang, überquerte den Fussgängerstreifen, passierte die Bahnhofunterführung und stellte mich an die Bushaltestelle. Auf dem ganzen Weg wanderten viele Blicke zu mir. Zuerst redete ich mir ein, dass Gesichtsmasken so sexy machen, dass alle hinschauten. Aber irgendwann merkte ich, dass es wohl eher die allgemeine Unsicherheit und das neue Modeaccessoire sind, die mich zum Gesprächsthema machten. Vor allem Jugendliche sprachen laut: „Hey blibemer do, die döt ene het Schweinegripp.“ Vermutlich wäre ich auch eine von denen, die als erstes diese Assoziation hätte.

Furchtlose Passagiere

Als der Bus kam, stieg ich mit einem speziellen Gefühl ein und setzte mich. Zu meinem Erstaunen setzte sich kurz darauf ein junger Mann neben mich. Hat er die Maske nicht gesehen? Ich betrachtete seine schwarze Lederjacke, die klobigen Schuhe, die schwarzen Jeans, die langen Haare und den Hut, den er trug. Jetzt waren wir schon zwei, die sich etwas von der Norm unterschieden. Gesprochen haben wir nicht miteinander und als er ausstieg, setzte sich gleich eine Frau neben mich. Ein zweites Mal war ich erstaunt. Scheinbar macht diese Grippe doch nicht allen etwas aus. Die Fahrt über schaute ich oft aus dem Fenster und winkte den wartenden Jugendlichen zu, die mit neugiereigen Blicken und auf mich zeigend an der Haltestelle standen. Hinter mir entfachte eine Diskussion über die Schweinegrippe und ich könnte wetten, ich war der Grund dafür. Darüber musste ich lachen. Und dank meiner Maske sah es niemand!

Alles nur Medienshow?

Die Frau stieg an der selben Haltestelle aus wie ich und darum sprach ich sie an. „Hatten Sie keine Bedenken bezüglich der Schweinegrippe, als sie sich neben mich gesetzt haben?“, fragte ich interessiert. „Nein. Natürlich habe ich die Maske wahrgenommen, aber wenn Sie sich oder ihre Mitmenschen vor der Grippe schützen wollen, dann finde ich es gut, dass Sie eine Maske tragen.“ Sie erklärte mir noch, dass sie in einem Heim mit Risikopersonen arbeitet. Sich selbst möchte sie aber nicht impfen lassen, denn sie ist der Meinung, dass die Medien den Menschen ganz viel Angst machen können, die nicht nötig wäre. Ausserdem spiele da vielleicht noch der wirtschaftliche Faktor eine Rolle. Ich bedankte mich bei der Mitfahrerin. Zuhause freute ich mich sehr über den negativen – also positiven – Bescheid. Schliesslich war ich doch froh, die Maske wieder weglegen zu können.

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