Kultur | 19.10.2009

Zwischen Karriere und Kühlschrank

«Es ist ein warmer Herbstabend. Claude Eichenberger sitzt mir gegenüber in einem lauten Café am Bahnhof und erzählt von ihrem Leben. Sie hat ihre Karriere als Opernsängerin nicht geplant."
"Hoffmanns Erzählungen" "Die Fledermaus" "Der Barbier von Sevilla"

Zunächst besuchte sie Gymnasium und Seminar, damit sie Matur und Lehrerpatent sicher hatte. Mit Anfang zwanzig begann sie als Primarlehrerin zu unterrichten und nebenher eher hobbymässig zu singen. Doch eines Tages musste sie sich entscheiden: „Will ich unterrichten und unterrichten, später heiraten, Familie gründen und ein Haus bauen?“ Claude hatte andere Träume und sagte sich: „Ich probiere einfach etwas anderes aus!“ 

„Jeder, der diesen Job macht, muss ein Talent sein“

So kam es dann, dass die Hobbysängerin ein Gesangsstudium in Bern begann. Als Mezzosopran hatte sie gute Voraussetzungen für eine Karriere als Konzertsängerin. So sang sie immer häufiger klassische Konzerte: *Ich habe einfach Jobs gehabt, da ist es explodiert.“ Ständig war sie unterwegs: von Berlin nach Buenos Aires, Hamburg, Kiel, Prag, Jerewan und Warschau. In der Schweiz sang sie unter anderem auch bei den Zürcher Festspielen und den Murten Classics. Nach acht Jahren Berufstätigkeit als Konzertsängerin wollte Claude mehr. Ihr Instrument, ihre Stimme und ihr Körper, waren ihr mit den Konzerten zu wenig ganzheitlich beansprucht. Nach zwei Spielzeiten am Internationalen Opernstudio des Opernhauses Zürich bewarb sie sich am Stadttheater Bern und wurde als Opernsängerin engagiert.

Claude erzählt mir das alles, als wäre es das Normalste der Welt. Wie sie da sitzt, ihre roten Haare locker zusammengebunden, mit Lachfältchen um die dezent geschminkten Augen, ein bisschen erschöpft von der Probe. Ich frage sie, ob sie sich für ein Talent hält. „Jeder, der diesen Job macht, muss ein Talent sein!“, gibt sie zur Antwort. Von ihren Kolleginnen und Kollegen wird Claude als ausgleichender Faktor im Team bezeichnet, als eine, die die Schäfchen beisammen hält. Doch natürlich kommt auch Claude nicht mit allen gleich gut aus. Verträgt sie sich mit jemandem nicht so gut, mahnt sie sich: „Dann ist es halt ein gutes, professionelles Arbeiten.“

Mag Hosenrollen

Gut arbeiten, das kann Claude. Das merke ich, als ich die Probe für die Oper Hänsel und Gretel besuche und Claude beobachte. Auch der Regisseur Dale Duesing ist begeistert: „Sie ist wunderbar!“, ruft er und Claude strahlt über das ganze Gesicht. „Ein Mangel ist nur, dass sie so kompliziert ist! Sie hat immer Extrawünsche!“, witzelt er. Während der Probe herrscht eine konzentrierte Atmosphäre. Doch zwischendurch eine Stichelei oder ein schelmischer Blick sind nicht verboten. In den Wartepausen schweift Claudes Blick ins Leere und sie unterdrückt ein Gähnen. Proben sind offenbar anstrengend! Doch sobald sie als Hänsel gebraucht wird, ist ihre Müdigkeit wie weggeblasen und sie gibt ihr Bestes. „Du spielst häufig Männerrollen. Stört dich das nicht?“, frage ich Claude. „Nein, ich mag die sogenannten Hosenrollen. Es ist interessant, einen Mann darzustellen. Zudem bin ich ziemlich gross, meist grösser als meine Kolleginnen.“

Einer der Sänger, der mit auf der Probe ist, hat sich am Fuss verletzt. Claude schenkt ihm einen mitfühlenden und verständnisvollen Blick. Auch sie hat Erfahrungen mit unerwünschten Verletzungen. Eine Woche vor der Premiere vom „Rosenkavalier“verletzte Claude sich auf einer Probe am Knie. Die Folge waren elf Wochen Pause. „Das war bitter. Oktavian war die Rolle der Rollen für mich, und dann wurde ich aus der Produktion gerissen. Zum Glück konnte ich später wieder einsteigen und noch acht Vorstellungen singen.“

Konzerte und Natur zur Balance

Als Ausgleich zum Beruf geht Claude viel in die Natur, häufig ins Emmental. Oder sie lädt Gäste ein, die sie bekochen kann. Auf die Frage, was sie denn koche, erwidert sie: „Alles ausser Kalbshirn.“ Auch in Konzerte geht sie gern. Zum entspannen mag sie am liebsten Pop, Funk, Soul und Jazz. Ihr Freund ist Jazzmusiker. Wenn sie doch mal klassische Musik hört, dann vor allem, um sich auf die nächst Produktion vorzubereiten. Je nach Rolle dauert diese Vorbereitungszeit bis zu einem Jahr. Kleinere Rollen beherrscht Claude schon nach drei Monaten. Nach dieser Vorbereitungszeit sollten Text, Rhythmus und Melodie sitzen, oder, in den Worten der Opernsängerin: „Baustellen müssen schon gelöst sein.“ Danach gibt es sechs Wochen lang intensiv Szenenproben, bevor das Stück endlich auf die Bühne kommt.

Wir stehen auf. Ich lasse mir alles, was sie gesagt hat, durch den Kopf gehen. Ihre Ausbildung, wie das Hobby zum Beruf wurde, wie sie als Konzertsängerin durch die Welt reiste … Sie unterbricht mich abrupt: „Ich sollte noch einkaufen, mein Kühlschrank ist leer.“

Über die Autorin


Von Irene Hodel (15)

Die vierzehnjährige Anna-Lea Stalder besucht die Quarta im Neufeldgymnasium. Zusammen mit ihren Eltern und ihren zwei Brüder (21 und 16 Jahre) wohnt sie in Bern im Galgenfeld. Sie verbringt ihre Freizeit oft mit lesen, Theater spielen und Pfadi. Da sie gerne Theater spielt, hat sie sich als Jüngste an diesem Schreibworkshop angemeldet. Im ersten Zusammentreffen wirkt Anna-Lea schüchtern. Sobald man sie etwas näher kennt, wird sie gesprächiger. Und nach aussen wirkt sie selbstbewusster, als sie sich selber vorkommt. Ich persönlich finde, dass Anna-Lea sich schon fast wie eine Erwachsene benimmt. Sport hat sie nicht sehr gerne, und die Ballsportarten – vom Basketball über den Fussball und den Volleyball bis zum Handball – hasst sie geradezu. Welchen Beruf Anna-Lea später einmal erlernen wird, steht noch in den Sternen. Eines ist heute schon klar: Es soll ein Beruf sein, der mit den Naturwissenschaften zu tun hat.

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