Gesellschaft | 05.10.2009

Wertvolle Zeit

Text von Samy Ebneter | Bilder von Noemi Anne Helfenstein
Stell dir vor, du seist ein begeisterter Lottospieler. Du möchtest selber unbedingt, wie jeder Lottospieler, einmal nach dem Pot greifen. Es wäre so einfach, sechs richtige Kreuzchen auf einem rot schimmernden Zettelchen und es wäre vollbracht.
Du kannst dein Leben nicht aufsparen.
Bild: Noemi Anne Helfenstein

Träume, die sich vom einen auf den anderen Tag erfüllen könnten, ohne nachträgliche finanzielle Depressionen. Heute bist du wieder auf dem Weg zu deinem Stammkiosk. Sie begrüsst dich bereits beim Namen. Du Sie ebenfalls, nach einem flüchtigen Blick auf ihr zerkratztes Namenstäfelchen auf Brusthöhe. Beeindruckt, woher sie jetzt deinen Namen kennt, und etwas verunsichert, da du jetzt anscheinend doch schon zu den Süchtigen gehörst, checkst du die neuen Lose ab. Und tatsächlich, es gibt ein Neues. Neben dem üblichen Lottoschein, wird also auch dieses neue Los eingekauft.  

Du rubbelst das Los frei und wer hätte das gedacht, es kommen vier Tresor-Symbole zum Vorschein. Du kannst es kaum fassen, du hast tatsächlich das Riesenglück, gleich beim ersten Los den Jackpot zu knacken!  

Erst jetzt liest du was du wirklich genau gewonnen hast. Dich haut es fast aus den Socken, als du dir Rückseite des Loses fertig gelesen hast. Denn du hast folgendes gewonnen:  

Jeden Morgen stellt dir die „Bank“ exakt 86’400 Franken für den ganzen Tag zur Verfügung. Exakt um 00.00 Uhr hast du dein Geld jeweils auf dem Konto. Allerdings gibt es Spielregeln. Jeden Morgen, wenn du erwachst, hast du also 86’400 Franken auf dem Konto, was du am Abend nicht ausgegeben hast, wird dir weggenommen. Abgebucht. Du kannst dein Geld nicht einfach auf ein anderes Konto übertragen und somit sparen, du darfst nur ausgeben, aufbrauchen, verschenken.  

Die zweite Spielregel besagt, dass der Gewinn ohne Vorwarnung weg sein kann. Einfach so und zu jeder Zeit kann die Bank sagen, es ist vorbei. Das Spiel ist aus. Der „Geldbrunnen“ versiegt.  

Was würdest du in einer solchen Situation tun? Natürlich würdest du soviel Geld ausgeben wie du nur kannst. Geld ausgeben um dir etwas Schönes zu leisten, aber nicht nur dir selber sondern auch Menschen die du liebst, die dir nahe stehen und denen du etwas Gutes tun möchtest… aber vielleicht auch Menschen die du selber nicht kennst willst etwas Geld spenden. Du würdest doch Versuchen jeden Rappen auszugeben, oder? Ihn nutzen und etwas daraus machen.  

Nur eine Traumvorstellung? Nein! In gewisser Weise und im übertragenen Sinn hat jeder und jede eine solche Bank! Nur ist die Währung nicht der Schweizer Franken, sondern die Zeit. Jeden Tag um genau 00.00 Uhr wird dein Konto um 86’400 Sekunden reicher. Du hast genau 86’400 Sekunden Leben auf deinem Konto für den ganzen Tag. Alles was du nicht ausgegeben oder, besser gesagt, genutzt hast, ist am Abend verloren. Du kannst dein Leben nicht aufsparen.   Dazu kann das „Spiel“ einfach zu Ende sein, ohne Vorwarnung und ohne speziellen Grund.   Was machst du also aus deinen täglichen 86’400 Sekunden?