Gesellschaft | 25.10.2009

„Stift und Block fliegen durch die Luft“

Text von David Naef | Bilder von Claudio Herger
Die Dunkelheit hält Einzug, Strassenlaternen beleuchten die noch stark belebte Berner Innenstadt. Beim "Loeb-Eggä", dem inoffiziellen Treffpunkt am Bahnhof, stehen eine Frau und drei Männer. Das müssen sie sein, die Jäger mit Spezialgebiet Schwarzfahrer.
In Bern werden jeden Tag durchschnittlich 50 bis 100 Personen beim Schwarzfahren ertappt.
Bild: Claudio Herger

Als Jäger wollen sie sich selbst zwar nicht bezeichnen. Sie verteilen schliesslich nicht nur Bussen, sondern helfen dem Kunden auch weiter. Andrea L., Marc S., Ueli H. und Jan M.* kontrollieren heute Abend die Fahrgäste, hauptsächlich im Zentrum der Stadt.  

 

Unauffällig in der Menge  

Das Tram fährt ein, die Kontrolleure verschwinden in der Menge einsteigender Fahrgäste. Unauffällig gekleidet werden sie im Normalfall nicht erkannt. So wird verhindert, dass allfällige Schwarzfahrer sich einer Kontrolle entziehen können. Sobald das Tram losfährt, ist der Moment gekommen, um in Aktion zu treten. Andrea L., Ueli H. und Jan M. stehen auf.  Die berühmte Ankündigung folgt: „Billettkontrolle, bitte alle Fahrausweise vorweisen!“. Die drei kontrollieren mit aller Freundlichkeit die Fahrgäste. Marc S. erklärt: „Als Kontrolleur muss man immer mit der Unschuldsvermutung in ein Tram steigen, Vorurteile sind fehl am Platz. Alles andere spürt der Fahrgast und die Einstellung gegenüber der Kontrolleure wird negativ beeinflusst.“ Beanstandungen gibt es keine, ein erfreuliches Ergebnis. Durchschnittlich werden aber in Bern pro Tag zwischen fünfzig und hundert Schwarzfahrende bestraft.  

 

Auch Nationalräte fahren schwarz  

Bei der nächsten Kontrolle haben zwei Fahrgäste keinen gültigen Fahrausweis. Einer davon ist eine lokale Prominenz: Ein Nationalrat hat sein Abonnement zu Hause vergessen. Solche Begegnungen sind alltäglich – Bern ist eine Beamtenstadt. Das hat auch Einfluss auf die Anzahl Schwarzfahrer. In anderen Schweizer Städten wie Zürich oder Basel müssen oft mehr Quittungen verteilt werden. Dennoch dürfen die Schwarzfahrer nicht schubladisiert werden. Vorurteile, die besagen, dass Jugendliche öfter schwarz fahren als ältere Generationen, sind fehl am Platz: „Es gibt in jeder Altersgruppe Schwarzfahrer, vom Kind bis zur alten Frau.“  

 

Menschenverständnis gefragt

Der nächste ohne Fahrausweis ist ein Mann im Rollstuhl in Begleitung seiner Frau. Diese hat keinen Begleiterausweis dabei. Eine heikle Situation für die Kontrolleure. Hier ist Menschenverständnis gefragt. „Klar ist es tragisch, dass er an den Rollstuhl gebunden ist, aber einen gültigen Fahrausweis muss er dennoch bei sich haben“, erklärt Andrea L. Sie drückt ein Auge zu und lässt das Ehepaar ohne Busse laufen. In manchen Fällen sei es so am vernünftigsten, meint sie. Mit den verschiedensten Menschen umzugehen fordere heraus und mache die Arbeit attraktiver. „Neue, positive wie auch negative, Begegnungen machen den Job spannend. Man ist draussen und kann den Menschen helfen.“

 

Fälschungen auf der Spur  

Zwischen den Kontrollen werden die Einsätze besprochen. So zum Beispiel der Fall eines jungen Mannes, der zwar ein gültiges Abonnement hatte, welches jedoch einseitig mit schwarzer Folie beklebt war. Die Kontrolleure akzeptierten den Ausweis. Draussen ist man sich einig, dass die Folie hätte abgenommen werden müssen. Aber im Nachhinein ist man meist klüger. „Abonnement-Fälschungen sind nicht selten“, erläutert Marc S. „Es kommt ab und zu vor, dass Fälschungen auffliegen. Sie sind sehr gut gemacht und nur schwer zu erkennen.“  

 

Job kann gefährlich sein  

Als nächstes bleibt eine jüngere Frau in der Kontrolle hängen. Sie trägt weder Geld noch einen gültigen Pass auf sich. „In solchen Fällen machen wir uns die Mühe und fahren mit den Fahrgästen zu Verwandten oder Bekannten, die die Busse zahlen.“ Auf die Frage, ob der Job nicht gefährlich sei, meint Marc S.: „Es kommt vor, dass unsere Kontrolleure bei der Flucht eines Schwarzfahrers angerempelt werden. Natürlich ist es auch schon vorgekommen, dass ein Fahrgast handgreiflich geworden ist, aber äusserst selten.“ Dass es abends und am Wochenende gefährlicher ist, versteht sich. Oft spielen dann Alkoholkonsum und Gruppendynamik eine wichtige Rolle.  

 

Dass es auch mal etwas ungestümer zu und her gehen kann, beweist ein junger Mann. Freundlich nimmt er Block und Stift entgegen, um seine Adresse zu notieren. Doch plötzlich sprintet er davon. Block und Stift fliegen in hohem Bogen durch die Luft und die vier Kontrolleure müssen einige Verwünschungen über sich ergehen lassen. „Die Flüche müssen wir einfach an uns abprallen lassen. Schliesslich sind sie nicht gegen uns persönlich gerichtet, sondern eher gegen unsere Arbeit oder das Unternehmen. So sind dann die negativen Erlebnisse, mit denen wir auch arbeiten lernen müssen.“ Trotzdem, die positiven überwiegen. Es gibt zahlreiche Fahrgäste, die sich zustimmend über die Kontrollen und die Kontrolleure äussern. Der letzte Kurs fährt nun am Bahnhof los, die Arbeit der Kontrolleure ist für heute fast beendet. Einige Abrechnungen stehen noch an, dann haben auch sie Feierabend.

 


*Namen der Redaktion bekannt